(Erwerbs-)Arbeit
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Begriffsdefinitionen
Arbeit
Arbeit ist eine zielbewusste und brauchvermittelte Tätigkeit des Menschen zur Lösung oder Linderung seiner Überlebensprobleme. Prozesse der Arbeit sind immer auch soziale Prozesse; Arbeit gestaltet die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen unter- und widereinander und verwandelt die „natürliche“ Umwelt in eine kulturelle.(Hillmann 1994: 35)
Erwerbsarbeit
Erwerbsarbeit ist Arbeit die mit der Ausfüllung eines bestimmten Arbeitsplatzes gegen Entgelt verbunden ist und die zur Herstellung von Gütern oder Erbringung von Dienstleistungen zum Zweck des Tausches auf dem Markt dient.(Klages 1964: 170 ff.)Man unterscheidet zwischen selbständiger und nicht-selbständiger Erwerbsarbeit.
Entstehungsgeschichte
Die Kommerzialisierung der menschlichen Arbeit im größeren Rahmen begann in Europa gegen Ende des 18. Jahrhunderts im Zuge der „Great Transformation“, also der grundlegenden Umgestaltung der Gesellschaftsordnung bedingt durch die industrielle Revolution. Durch die Anpassung der absolutistischen Feudal- und Ständegesellschaften an die Bedingungen der Industrialisierung und des Kapitalismus wurde die Subsistenzwirtschaft als vorherrschende Arbeitsform abgelöst und es kam erstmals zu einer direkten Verknüpfung von Geld und Arbeit – die menschliche Arbeitskraft wurde zur Handelsware.(Deutschmann 2006: 729f.)
Eine weitere Entwicklung in diesem Zusammenhang war die Loslösung der Arbeit aus dem häuslichen/familiären Umfeld. Mit dem Aufkommen von Fabriken und Werkstätten entstand auch der Arbeitsplatz, als räumlich und zeitlich klar abgegrenzter Bereich. Arbeit war nun leichter mess- und quantifizierbar, man unterschied nun zunehmend zwischen „Arbeit“ und „Nicht-Arbeit/Freizeit“, wenn man von Arbeit sprach meinte man fast ausschließlich Erwerbsarbeit.(Kocka 2001: 9)
Kritik: Entfremdung der Arbeit
Der Prozess der Versachlichung der Arbeitskraft wurde teilweise sehr kritisch betrachtet. Karl Marx prägte das Konzept der Entfremdung des Menschen von der Arbeit. Dadurch, dass der Arbeiter gezwungen wird seine Arbeitskraft zu verkaufen, verliert die Arbeit ihren ursprünglichen Sinn, nämlich als „zweckmäßige Tätigkeit zur Herstellung von Gebrauchswerten, Aneignung des natürlichen für menschliche Bedürfnisse... ewige Naturbedingung des menschlichen Lebens und daher unabhängig von jeder Form des Lebens, vielmehr allen seinen Gesellschaftsformen gleich gemeinsam.“ (Marx,MEW: 198) Die Aufteilung des Produktionsprozesses in mehrere Arbeitsschritte führt zu einer Verstärkung der Entfremdung: Das Produkt der Arbeit ist nicht mehr ihre „Vergegenständlichung“ (frühe Schriften, 1960) Der Arbeiter ist am Ergebnis seines Tuns nur noch insofern interessiert, als dass sein Lohn und sein Arbeitsplatz garantiert sind.
Erwerbsarbeit als sozialer Faktor
Durch ihre zunehmende Verbreitung gewann die Erwerbsarbeit zunehmend an sozialer, politischer und kultureller Bedeutung. Im Zuge der Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft (oder auch Erwerbsarbeitsgesellschaft) wurde die Arbeit „zu einer dominanten und zugleich positiv begriffenen Vergesellschaftungsinstanz“.(Bonß 1999:148) Mit dem Ende der Ständegesellschaft war nicht mehr die Herkunft von Bedeutung, vielmehr wurde die wirtschaftliche Situation und Leistungsfähigkeit zum Entscheidungskriterium für die Einordnung in das soziale Gefüge. Erwerbsarbeit war auch die Grundlage für die Errichtung des Sozialstaates, mit den Arbeitern – nicht den Armen - als Adressaten der staatlichen Sozialversicherung.(Kocka 2001: 10) Dieser Prozess verstärkte sich im Laufe der Zeit, so dass „in den entwickelten Erwerbsgesellschaften des 20. Jahrhunderts[...] die Vergesellschaftung über (Lohn-)arbeit endgültig in den Vordergrund rück[t]en und Konsummöglichkeiten, soziales Ansehen, berufliche Förderungen und soziale Absicherung...“ immer stärker mit der Erwerbsarbeit korrelierte. Diese verstärkte Definition des Menschen über seine Arbeitsstelle führte gleichzeitig zu einer verstärkten Abgrenzung gegenüber anderen Existenzformen: Vor allem die Arbeitslosigkeit wurde in zunehmendem Maße zu einem sozialen Ausgrenzungskriterium.
Erwerbsarbeit im Wandel
Als klassisches Bild von Erwerbsarbeit wird oft das sogenannte „Normalarbeitsverhältnis“ bezeichnet: vornehmlich männliche Beschäftigte in abhängiger Arbeit mit unbefristetem Vollzeitarbeitsvertrag, stabile Vergütung, betriebsförmige Organisation der Arbeit, möglichst beim selben Arbeitgeber erwerbslebenslang ausgeübt, weitgehende Unkündbarkeit und großzügige soziale Absicherung im Falle der Arbeitslosigkeit.Dieses „Idealbild“ galt allerdings nie für alle gleichermaßen, am auffälligsten ist der geschlechtsspezifische Unterschied. Die Formulierung des Normalarbeitsverhältnisses als hauptsächlich männliche Erwerbskarriere impliziert - insbesondere für Familien - eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung (mit der Frau in der Rolle der Hausfrau und Mutter). Dieses traditionelle Rollenbild kann allerdings angesichts der stark gestiegenen Frauenerwerbsquoten in den hochentwickelten Staaten nicht mehr aufrechterhalten werden.
Das Normalarbeitsverhältnis war zwar auch in früherer Zeit eher Norm als Normalität, jedoch trat es spätestens mit dem Aufkommen der Massenarbeitslosigkeit und noch stärker mit dem Fortschreiten der Globalisierung seinen endgültigen Rückzug an. Die andauern hohe Arbeitslosigkeit führte zu einer Überlastung der sozialen Sicherungssysteme, als Reaktion kam es zu gravierenden Einschnitten auf dem Gebiet der Sozialleistungen sowohl hinsichtlich der Höhe der Transferleistungen als auch der Bezugsdauer.
Der "Arbeitskraftunternehmer" als neuer Prototyp
Im Zuge der Globalisierung hat in den Industriestaaten ein fundamentaler Strukturwandel der Wirtschafts- und Arbeitswelt begonnen: von der nationalen Industriegesellschaft zur globalen wissensintensiven Informations- und Dienstleistungsgesellschaft.(Klauder 2001: 3) Diese „Tertiarisiertung“ des Arbeitsmarktes brachte und bringt auch eine grundlegende Änderung der Beschäftigungsstrukturen und Arbeitsformen mit sich. Seit neuestem ist eine Entwicklung zu beobachten, die in der Literatur als zunehmende "Selbstorganisierung" der Arbeitskräfte bezeichnet wird. Diese "Arbeitskraftunternehmer" sollen verstärkt eigenverantwortlich handeln und zu hoher - sowohl örtlicher als auch zeitlicher - Flexibilität bereit sein."[A]ktive Selbststeuerung im Sinne allgemeiner Unternehmenserfordernisse" (Voß 2001: 8)tritt dabei in den Vordergrund. Dieser Prozess führt dazu, dass die Überwachung und Kontrolle der Arbeitsleistung zur Aufgabe der Arbeitenden selbst wird, da sie ja auch für sich selbst Verantwortlich sind. Ein Resultat dieser Entwicklung ist, dass die Arbeiter zunehmend zu einer Selbstrationalisierung gezwungen sind, die sich gravierend auf sämtliche Lebensbereiche auswirkt. Das Aufkommen des "Arbeitskraftunternehmers" bringt eine umfassende Neudefinition des Arbeitsbegriffs mit sich - zusammen mit neuen Anforderungen. Klar, dass es hier neben einigen Gewinnern, auch viele Verlierer gibt.
Fazit/Ausblick
Seit ihrer Entstehung im Zuge der Industrialisierung ist die Erwerbsarbeit einem ständigen Wandel unterworfen. Gleichzeitig muss sie immer auch aus soziologischer Perspektive betrachtet werden. Ihre Bedeutung als Mittel zur sozialen Interaktion, als Vergesellschaftungsinstrument ist nicht von der Hand zu weisen. Nun befinden sich die hochentwickelten Staaten momentan in ihrer Wohl größten Umbruchsphase – mit gravierenden Auswirkungen auch auf die Erwerbsarbeit. Die vielfach geäußterten Befürchtungen, dass die Erwerbsarbeit auf lange Sicht ausgehen wird, darf wohl als unwahrscheinlich angesehen werden. Allerdings kommt es durchaus zu einer Reduktion der Arbeitsplätze, vor allem bei geringqualifizierter Arbeit. Hier müssen geeignete Maßnahmen ergriffen werden, wenn nicht ganze Bevölkerungsgruppen vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen und somit auch sozial isoliert werden sollen.
Literatur
- Bonß, Wolfgang: Jenseits der Vollbeschäftigungsgesellschaft. Zur Evolution der Arbeit in globalisierten Gesellschaften. in: Schmidt, Gert,(Hrsg.): Kein Ende der Arbeitsgesellschaft.1999. S. 145-175.
- Deutschmann, Christoph: Sociology of Work. In: Beckert, Jens, Milan Zafirovski (Hrsg.): International Encyclopedia of Economic Sociology.2006 S. 728-732.
- Hillmann, Karl-Heinz: Wörterbuch der Soziologie.1994 S. 35.
- Klauder, Wolfgang: Ende oder Wandel der Erwerbsarbeit? in: APuZ 21/2001. S. 3-7.
- Kocka, Jürgen: Thesen zur Geschichte und Zukunft der Arbeit. in APuZ 21/2001. S.8-13
- Voß, G. Günter: Der Arbeitskraftunternehmer. Ein neuer Typus von Arbeitskraft und seine sozialen Folgen. 2001
