Bürokratie-Theorie der Organisation

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Bürokratie

Unter Bürokratie (auch Herrschaft der Verwaltung) versteht man die Ausübung von bestimmten Tätigkeiten innerhalb einer Hierarchie, also Über- und Unterordnung in Organisationen.

Merkmale einer Bürokratie sind also: ein hierarchisches System, die Abgrenzung und Zuordnung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten nach Kompetenz, sowie die schriftliche Fixierung jeglicher Art von Vorgängen.

Außerdem ist für die Bürokratie kompetentes und qualifiziertes Fachpersonal unabkömmlich. (Siehe unten -> Idealtypus der Bürokratie)

Erreicht die Bürokratie eine übertriebe Form, so spricht man von Bürokratismus. Hier findet keine Reflexion oder Überlegung über die auszuführende Tätigkeit mehr statt, man handelt vorgegeben und ohne sein Handeln zu hinterfragen.

Bürokratietheorie

In der Soziologie ist vor allem die Bürokratietheorie von Max Weber (1864- 1920) von großer Bedeutung.

Herrschaft

Für Max Weber ist die Bürokratie die „reinste Form“ der legalen Herrschaft, nämlich die Herrschaft festgelegter Regeln und Normen, die für alle Beteiligten verbindlich sind.

"Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“ (Weber 1980:28). Herrschaft wird von ihm unterteilt in charismatische Herrschaft, traditionale Herrschaft und legale Herrschaft.

Während die charismatische Herrschaft auf der Ausstrahlungsmacht eines Menschen basiert und die traditionale Herrschaft auf Gewohnheiten und Traditionen, beruht die legale Herrschaft auf dem „Glauben an die Rechtmäßigkeit gesatzter Ordnung“ (Preisendörfer, 2008: 99). Daher stammt auch seine Annahme, dass die legale Herrschaft über kurz oder lang die beiden anderen Herrschaftsformen verdrängen wird.

Rationalisierung

Max Webers Bürokratietheorie ist außerdem eng verbunden mit dem von ihm geprägten Begriff der Rationalisierung, d.h. „der Ablösung von zufälligen, planlosen, traditionsgebundenen (…) durch überlegte, mittel- zweck- orientierte, kalkulierte und entsprechend organisierte, systematisch geplante Handlungsformen.“ ( Hillmann, 1994: 715)

Nach Weber durchdringt die Rationalisierung nach und nach alle Lebensbereiche, welche zum besseren Verständnis in drei Ebenen unterteilt werden können.

Die erste Ebene umfasst Weltbilder und Glaubenssysteme. Die Rationalisierung sorgt hier für eine Abkehr von religiösen Ideen und Vorstellungen.

Die zweite und wichtigste Ebene für Webers Bürokratietheorie bildet die Ebene der Institution, da er die Rationalisierung der Institutionen hauptsächlich von der Bürokratie getragen sieht.

Die dritte Ebene schließt letztlich die praktische Lebensführung mit ein. Dies bedeutet soviel, dass die Rationalisierung schließlich auch in das private Leben der Menschen vordringt.

Idealtypus der Bürokratie

Zur besseren Beschreibung von Bürokratie schafft Weber den Begriff des Idealtypus der Bürokratie.

Idealtyp soll in diesem Falle nicht bedeuten, dass dieser Bürokratietyp ideal ist oder wäre, sondern hierbei handelt es sich vielmehr um ein Gedankengebilde, das in "seiner begrifflichen Reinheit...nirgends in der Wirklichkeit empirisch vorfindbar ist". (Weber 1951:191)

Demnach gehören zu einer Bürokratie zum Einen von individuellen Personen unabhängige Stellen und Positionen. Dies bedeutet, dass die Menschen, die eine Position innehaben, jederzeit durch einen anderen ersetzt werden können.

Hinzu kommt, dass jede dieser Positionen klar festgelegte Aufgaben hat. Diese Aufgaben sind durch Regeln und Vorschriften bestimmt und dienen somit zur Orientierung und teilweise auch Automatisierung der zu treffenden Entscheidungen. Aufgrund dieser Regeln werden individuelle Wünsche, Einstellungen, Neigungen etc. irrelevant. Die Ausführung der jeweiligen Arbeit findet unpersönlich und an Regeln gebunden statt.

Zur „Unterstützung“ der unpersönlichen Arbeitsausführung braucht eine Bürokratie die so genannte Aktenmäßigkeit. Alle Vorgänge werden schriftlich fixiert. Diese Maßnahme macht es wiederum leichter, einen Menschen in einer bestimmten Position durch einen anderen zu ersetzen, da die Ersatzperson sich schnell und effizient mit dem Aufgabenfeld des Vorgängers vertraut machen kann. So sind keine Schulungs- und Einarbeitungsvorgänge mehr nötig, die sowohl Zeit als auch Geld kosten.

Des Weiteren erfordert ein reibungsloser bürokratischer Ablauf qualifiziertes und loyales Personal, das über das nötige Fachwissen verfügt.

Zwischen der Organisation und dem Fachmenschen herrscht eine gegenseitige Abhängigkeit. Der Fachmensch, auch Professioneller genannt, bringt ein gewisses Fachwissen und damit einhergegehende Kompetenzen aus seinem Beruf, seiner Profession mit in die Organisation, welches die Organisation von sich aus nicht hat. Gegenteilig ist das Individuum als Teil einer Profession, aber nicht die Profession als Ganzes, von der Organisation abhängig. Es hat aber durch sein Fachwissen eine gewisse Autonomie, die es ihm erlaubt, innerhalb eines bestimmten Rahmens relativ frei zu agieren.

Die oben genannten Merkmale der Bürokratie machen nach Webers Idealtyp die Effizienz der Bürokratie aus.

Laut Weber läuft Bürokratie auf eine Herrschaft der „Fachmenschen“ hinaus, eine von Traditionen und individuellen Beziehungen und Vorstellungen losgelöste und unabhängige, auf Berufsqualifikation und Sachautorität beschränkte Herrschaft des Beamtentums. (Korte; Schäfers, 2006: 199)

Stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit

Die oben genannten Kriterien mögen zwar die Effizienz steigern, gleichzeitig führen sie aber auch dazu, dass die Bürokratie eine vom Menschen unabhängige Eigendynamik entwickelt und so die Individualität der Menschen verloren geht, sodass sie zu „kleinen Rädchen in der Maschine“ (Weber) werden, was auch unter Max Webers berühmten Ausspruch „stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit“ bekannt ist.

Bürokratiekritik

Als Vorteile der Bürokratie werden unter anderem Objektivität, Berechenbarkeit, Planbarkeit, Stetigkeit und Zuverlässigkeit gesehen.

"Jede Organisation ist gezwungen, Narrenfreiheit herzustellen; das heißt, sie kann sich nicht auf schwankende Überzeugungen, Motive und Glücksfälle bauen". (Schmidtchen 1978:154)

Max Weber spricht in diesem Zusammenhang aber auch von „Entmenschlichung“, „Versachlichung“ oder „Entseelung“. Er äußert hier die Sorge um die Kultur und die Freiheit der Menschen.

Einen Lösungsvorschlag, wie die Gesellschaft wieder aus diesem „Gehäuse der Hörigkeit“ hinausfinden könnte, gibt er allerdings nicht. Es hat sich jedoch eine Vielzahl anderer Wissenschaftler mit ihm, seiner Theorie, sowie der Kritik an seiner Theorie beschäftigt. Beispiele hierfür siehe unten.

Ein weiterer Vorteil wird in der emotionlen Sicherheit und dem Gefühl des Geborgenseins der Mitarbeiter gesehen, da "durch relativ klare Rollenabgrenzungen" (Bosetzky/Heinrich 1980:35) das Konkurrenzgefühl mehr unterbunden wird und somit ein angenehmeres Arbeitsklima gewährleistet wird.

Als Nachteile werden unter anderem aufgeführt: Die Konzentration der Zuständigkeiten an der (zum Teil nicht kompetenten) Spitze der Hierarchie, die oftmals die Kompetenz der Mitarbeiter außer Acht lässt; mangelnde Kooperation innerhalb der Organisation; sowie zu starren Festhalten an Vorschriften und Regeln, was zu mangelder Flexibilität führt. (vgl.Bosetzky/Heinrich 1980) Webers Bürokratiemodell ist für immer gleichbleibende, sich wiederholende Situationen konzipiert. Bei großen Organisationen mit komplexen Handlungsabläufen ist dies jedoch nicht immer gegeben und würde eine nicht zu überblickende Anzahl von Regeln und Vorschriften erfodern. In solchen Situationen ist nach Litwak das persönliche Wertesystem eines jeden Mitarbeietrs gefragt, das and die Stelle der Vorschriften treten soll.

Alternativen zum Bürokratiemodell von Max Weber sind unter anderem die kooperativen Modelle, die die organischen Organisationen, teamartig- professionelle Organisationen sowie assoziative Organisationen umfassen. Die Merkmale der kooperativen Modelle sind unter anderem folgende: keine Spezialisierung, sondern Kenntnisse jedes Mitarbeiters über alle Handlungsabläufe; keine dauerhafte, sondern kurzfristige Rollen- und Aufgabenzuweisung, je nach Fähigkieten und Belastung; keine Kontrolle von oben, sondern intern durch z.B. die Kollegen; an wichtigen Entscheidungen sind alle beteiligt; wichtige Informationen werden allen zugänglich gemacht etc. (vgl. Bosetzky/Heinrich 1980)



Quellenangaben

  • Weber, Max. Wirtschaft und Gesellschaft. Paderborn: Voltmedia GmbH.
  • Preisendörfer, Peter. 2008. Organisationssoziologie. Wiesbaden: VS Verlag .
  • Kaesler, Dirk (Hrsg.). 2006. Klassiker der Soziologie I: Von Auguste Comte bis Alfred Schütz. München: Verlag C.H. Beck oHG.
  • Korte, Hermann. 2004. Einführung in die Geschichte der Soziologie. Wiesbaden: VS Verlag.
  • Hillmann, Karl- Heinz. 1994. Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag.
  • Abels, Heinz. 2007. Einführung in die Soziologie Band I: Der Blick auf die Gesellschaft. Wiesbaden: VS Verlag.
  • Korte, Hermann; Schäfers, Bernhard. 2006. Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie. Wiesbaden: VS Verlag.
  • Bosetzky/Heinrich. 1980. Mensch und Organisation. Verwaltung in Praxis und Wissenschaft 15. Deutscher Gemeindeverlag.
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