Geld

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Geld im Spiegel der Soziologie

Geld von ahd. gelt steht für >>Vergütung<< oder >>Wert<<. Die Wortbedeutung bezieht sich direkt auf die Geldfunktionen. Diese sind auch Ausgangspunkt vieler wissenschaftlicher Erklärungen des Geldes. Die Soziologie versucht das Wesen des Geldes in seiner Ganzheit zu erfassen. Dabei bezieht sie Fragen im Zusammenhang mit der Entstehung, Entwicklung sowie der gesellschaftlichen Akzeptanz des Geldes mit ein und widmet sich den sozialen Folgen des Geldgebrauchs.


Die Entwicklung des Geldes

Die Ursprünge des Geldes werden im sakralen Bereich und im Kultus vermutet, wo es als Opfergeld fungierte. Später galt es auch als Zeichen eines bestimmten gesellschaftlichen Status in Form von Schmuck- und Hortgeld. Georg Simmel beschreibt die Entwicklung des Geldes als Bewegung von der Substanz zur Funktion. Ursprünglich war Geld ebenso eine Ware wie jedes andere Gut. Die Geldware zeichnete sich gegenüber anderen Gütern lediglich dadurch aus, dass sie als Referenzobjekt den Wert anderer Güter bemaß. Anfänglich hatte es keine einheitliche Form. Oftmals dienten Dinge als Geld die entweder schwer, schön, knapp, wertvoll oder einfach nützlich waren, z. B. Metallbarren, Schmuck, Leder, Salz oder Vieh. Demgegenüber besitzt Münzgeld den Vorteil, dass es mobil und zählbar ist. Die Münze besitzt noch immer substantiellen Warenwert, aber ihr Wert realisiert sich mehr im Tausch als im Gebrauch. Das Papiergeld löst sich vollkommen vom substanzgebundenen Wert und begnügt sich mit der Repräsentation von Wert. Das Buchgeld erfordert überhaupt kein Objekt mehr, es ist nur in Form von Kontobewegungen sichtbar. Mit zunehmender Entmaterialisierung nimmt die Mannigfaltigkeit der Funktionen des Geldes zu. (Reinhold 1997: 61 f)


Die Geldfunktionen

Erste Erklärungen zum Geld setzen bei den Funktionen des Geldes für das wirtschaftliche Handeln an. In der ökonomischen Tradition fungiert Geld in erster Linie als Tauschmittel. Dabei wird von einem Modell eines realen Tausches zweier Güter ausgegangen, wobei das Geld die Austauschbeziehungen lediglich vereinfacht, da die Marktakteure in ihren Wünschen, Interessen und Präferenzen hinsichtlich der Ware nur selten übereinstimmen. (Spahn in Deutschmann 2002: 52) Aus der Sicht der ökonomischen Werttheorie bleibt das Geld in der Tauschsituation neutral, da es lediglich die Effizienz des Tausches verbessert und den Marktakteuren in einer arbeitsteiligen Tauschwirtschaft größere Handlungsspielräume zugesteht. Georg Simmel verneint die Neutralität des Geldes. Vielmehr hat sich das Geld zum „absoluten Mittel“ erhoben. Es ist nicht nur Mittel zur Bedürfnisbefriedigung, sondern beansprucht Endzweck allen wirtschaftlichen und sozialen Handelns zu sein, so dass jede wirtschaftliche Handlung darauf abzielt, den eigenen Besitz von Geld zu vermehren. (Deutschmann 2002: 7 ff) Geld ist immer auch aufgrund seiner selbst willen attraktiv.

Des weiteren dient Geld als Wertaufbewahrungsmittel. Aufgrund seiner nahezu uneingeschränkten Haltbarkeit verleiht es dem Geldbesitzer eine privilegierte Stellung gegenüber dem Warenbesitzer, so dass er nicht dem Druck eines übereilten Tausches ausgesetzt ist. Somit speichert das Geld eine Vermögensmacht, die zu jedem Zeitpunkt in Marktgüter umgewandelt werden kann. (Reinhold 1997: 60 ff) Dies unterstreicht noch die Annahme, dass das Geld Selbstzweckcharakter angenommen hat.

Das Geld dient aufgrund seiner Teilbarkeit bzw. Aufsummierungseigenschaft ebenfalls als Wertmesser, das eine objektive Beurteilung von Leistung und Gegenleistung im Tausch ermöglicht, es erlaubt also objektive Äquivalenzurteile und informiert die Tauschpartner über ihre Tauschchancen.(Ganßmann 1996: 173,189)

Große Aufmerksamkeit genießt in der Literatur die Auseinandersetzung mit Geld als Zahlungsmittel. Diese Funktion unterscheidet sich von den anderen Funktionen darin, als einziges Medium zur Erfüllung von Vertragsbeziehungen zu gelten. Somit bilden nicht Tauschakte, sondern das Schuldverhältnis den Kern der Geldfunktionen. (Riese in Schelkle/Nitsch 1995: 57 f) Eine Zahlung basiert auf einer Gläubiger-Schuldner-Beziehung. Der Schuldner kommt durch ein Zahlungsversprechen seiner Verpflichtung nach, eine Gegenleistung für ein erhaltenes Gut anzubieten und minimiert so das Gläubigerrisiko einer unvollständigen Tauschhandlung. Das Vertrauensproblem verlagert sich von der Schuldnerperson in das Vertrauen auf Geld. Geld wird jedoch nur dann als Zahlungsmittel akzeptiert, wenn „aus einer gegen einen bestimmten Schuldner gerichteten Forderung gleichsam eine Forderung gegen die Marktgesellschaft als ganze geworden ist.“ (Spahn in Deutschmann 2002: 58) Der Markt garantiert dem Gläubiger einen Anspruch darauf, sein Geld jederzeit wieder beliebig in Waren umsetzen zu können.(Spahn in Deutschmann 2002: 56 ff) Somit ist für den Gläubiger der Zahlungsvorgang erst beendet, wenn er die Zahlung bei Dritten wiederum in Zahlung geben kann. Die Akzeptanz von Geld wird somit zirkulär begründet. Dies bedeutet, Geld wird unmittelbar als Zahlung angenommen, weil es von jedem anderen auch als Zahlung anerkannt wird. (Ganßmann in Deutschmann 2002: 22)

Geld als symbolisch generalisiertes Medium der Kommunikation

Geld lediglich im Kontext seiner Funktionen zu erklären, muss sich stets den Einwand gefallen lassen, dass auch andere Objekte als Geld die angesprochenen Funktionen erfüllen könnten, was auch historisch belegt ist. Die großen Systemtheoretiker wie Talcott Parsons versuchen umzudenken und erklären die Akzeptanz des Geldes anhand seiner Symboleigenschaften. Im Vordergrund steht nicht die Dinghaftigkeit des Geldes, sondern der kommunikative Aspekt, der Mitteilungscharakter des Geldes. Geld an sich hat keinen Eigenwert hat, es steht für Nutzen im Tausch und Liquidität im Akt der Zahlung. (Ganßmann in Deutschmann 2002: 23; Ganßmann 1996: 135) Somit ist Geld keinesfalls eine Ware, sondern wird der Ware als "Nicht-Gut" (Riese) gegenübergestellt. Als Medium der Kommunikation gelingt es ihm zwischen dem Wirtschaftssystem und den anderen Systemen zu vermitteln. Damit Geld als Symbol agieren kann, muss ein stabiles Vertrauen in dieses Symbol bestehen. Dieses Vertrauen ist weniger durch das Objekt begründet, sondern muss als Systemvertrauen in das Medium Geld interpretiert werden. Ganßmann versucht dieses Vertrauen näher zu fassen. Er beschreibt die Verwendung des Geldes als regelgeleitetes Geldspiel. Die Definition der Regeln und möglichen Spielzüge, entscheidet darüber, was Geld ist. (Näheres bei Ganßmann 1996: 24 ff))

Zur Erklärung des Geldes als Kommunikationsmedium wird auf eine Analogie zur Sprache zurückgegriffen, die zeigen soll, dass der Austausch von Waren gegen Geld eine gewisse Kommunikation erfordert. Diese Sprache der Preise lässt eine nur sehr eingeschränkte Form der Kommunikation zu, die für jedermann verständlich ist. Sie hält selbst über lange Handlungsketten, unter Beteiligung unterschiedlichster anonymer Marktakteure, die Kommunikation aufrecht. (Ganßmann in Schelkle/Nitsch 1995: 125; Ganßmann 1996: 236) Natürlich hat die Analogie zur Sprache Grenzen. Während Sprache ein Gut ist, dass jedem gehört und gegen unendlich geht, ist das Geld privat angeeignet. Es kann auch nicht ohne Mühe reproduziert werden. Erworbenes Geld, auf welche Weise auch immer, kann nur einmal zur Zahlung eingesetzt werden. Um weitere Zahlungen zu generieren, muss Geld erwirtschaftet werden.(Ganßmann, 1996: 158)

Niklas Luhmann fasst Geld als „Triumph der Knappheit über die Gewalt“ auf. Knappheit ist das Fundament wirtschaftlichen Handelns. Der Zugang zu Ressourcen wird entlang zweier Knappheitssprachen koordiniert: Güterknappheit und Geldknappheit. Die Gesellschaft wird dem Zugriff des Einzelnen auf knappe Ressourcen nur tatenlos zusehen, wenn er für die aktuell gemilderte Güterknappheit eine Knappheit an anderer Stelle, nämlich eine Geldknappheit in Kauf nimmt. Somit kanalisiert das Geld die Gewalt, weil die sozialen Rollen nicht statisch verteilt sind. Je nach Situation befindet sich der Einzelne einmal in der Rolle des Geldbesitzers, ein andermal wechselt er in die Rolle des Warenbesitzers und wiederum ein anderes mal bleibt er unbeteiligter Dritter. (Bäcker in Schelkle/Nitsch 1995: 117f; Bäcker in Deutschmann 2002: 12) Gerade dadurch, dass man in der Position als Dritter momentane Einflusschancen vergibt, sichert man sich diese für eigene Transaktionen in der Zukunft.(Heinemann 1969: 78) Mithin wird die Verfügungsgewalt über Güter durch Geldzahlungen legitimiert. Somit ist Geld nichts anderes als ein gesellschaftlicher Verteilungsmechanismus für Reichtum, wobei die Ausgangsbedingungen jedoch nicht für alle gleich sind. Menschen unterscheiden sich in ihrem verfügbaren Geld.

Die sozialen Folgen des Geldes

Betrachtet man Geld als symbolisch generalisiertes Medium der Kommunikation besteht die Gefahr, den Machtaspekt des Geldes zu unterschätzen, da das Geld längst nicht mehr nur der Bedürfnisbefriedigung des Menschen dient, sondern mit Aufkommen des Kapitalismus dominiert das Profitmotiv. Karl Marx Beitrag zum Verständnis des Geldes stellt darauf ab, Geld in Form von Kapital als Herrschaftsmittel darzustellen. Geld ist für ihn direktes Produkt gesellschaftlicher Arbeit und besitzt mithin Warencharakter, wobei das Verhältnis zur Arbeit zwei antagonistische Klassen etabliert: eine Kapitalistenklasse, für die Geld Kontrolle über die Arbeit bedeutet, so dass durch sie ein Mehrwert erzielt wird. Eine Arbeiterklasse, die im Verkauf ihrer Arbeitskraft das einzige Mittel sieht, am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben zu können.(Ganßmann 1996: 156)

In jedem Fall treibt Geld die Rationalisierung wirtschaftlicher Austauschprozesse an. Es stellt eine zuverlässige, rationale Messgröße dar, die unterschiedliche Güter in ihrem Wert vergleichbar macht. Das Rationalisisierungspotential des Geldes steckt in seiner Unbestimmtheit. Es entbindet den Menschen von sachlichen, räumlichen, zeitlichen sowie personellen Beschränkungen. Es eröffnet neue Handlungsfelder und bringt vielfältige Praktiken vom Besitz über den Kauf, Verkauf bis zur Bezahlung und Verleihung von Geld hervor. (Ganßmann in Deutschmann 2002: 26) Zudem fördert das Geld die soziale Emanzipation des Menschen. Das Geld setzt sich seiner eigenen Logik folgend sowohl über soziale Sitten, soziale Rollen als auch statusabhängige Verpflichtungen hinweg. Entscheidend für die Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum ist allein der Geldbesitz. „Geld kennt keine andere Gefälligkeit als sich selbst.“ (Reinhold 1997: 63)

Quellenverzeichnis

  • Deutschmann Christoph, 2002: Die gesellschaftliche Macht des Geldes. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden
  • Ganßmann, Heiner, 1996: Geld und Arbeit-Wirtschaftssoziologische Grundlagen einer Theorie der modernen Gesellschaft. Campus Verlag, Frankfurt/New York
  • Heinemann, Klaus, 1969: Grundzüge einer Soziologie des Geldes. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart

  • Reinhold, Gerd, 1997: Wirtschaftssoziologie; Zweites Kapitel: Geld und Geldkritik aus wirtschaftssoziologischer Sicht.R. Oldenburg, München und Wien

  • Schelkle Waltraud/Nitsch Manfred 1995: Rätsel Geld-Annäherungen aus ökonomischer, soziologischer und historischer Sicht. Metropolis Verlag, Marburg