Homo Oeconomicus
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Der Homo Oeconomicus (lat.: der Wirtschaftsmensch) ist ein wissenschaftliches, heuristisches Konstrukt der neoklassischen Wirtschaftstheorie. Es erläutert ausführlich das menschliche Entscheidungshandeln beim Wirtschaften und ist auf einen bestimmten Problembereich begrenzt.
Inhaltsverzeichnis |
Was ist der Homo Oeconomicus?
Definition
Das Erklärungskonzept charakterisiert einen fiktiven Akteur
- der ausschließlich entsprechend seiner eigener Interessen und Präferenzen handelt,
- seinen eigenen Nutzen und Gewinn maximiert,
- auf Restriktionen reagiert,
- rational seine Entscheidung trifft,
- feststehende Präferenzen besitzt und
- vollständig über seine Handlungsalternativen und ihre Auswirkungen informiert ist.
Der Begriff tauchte erstmals 1888 in „A History of Political Economy“ von John Kells Ingram auf und wurde seitdem fortlaufend weiterentwickelt und ergänzt. Der Homo Oeconomicus erreicht ein gegebenes Ziel mit einem Minimum an eingesetzten Ressourcen. Sein rationales und wirtschaftliches Handeln ist durch bestehende Knappheiten bedingt. Er stellt das Musterbild eines rational denkenden Wirtschaftsmenschen mit dem obersten Ziel der Nutzenmaximierung dar.
Wissenschaftlicher Anwendungsbereich
Der Homo Oeconomicus ist ein wissenschaftliches Modell, das bestimmte Funktionen erfüllt, jedoch nicht zur Analyse individuellen menschlichen Verhaltens herangezogen werden kann. Es generalisiert aus der Gesamtheit, um durchschnittliche und solide Darstellungen über das menschliche ökonomische Verhalten zu Analysezwecken zu erhalten und das Verhalten des durchschnittlichen Individuums wiederzugeben. Es rückt die zentralen und relevanten Einflüsse für die jeweilige Problemstellung in den Vordergrund. Folglich betont das Erklärungskonstrukt bestimmte Dispositionen und vernachlässigt andere, um sich auf die zu erforschende Fragestellung konzentrieren zu können und um komplexe unübersichtliche Theorien zu vermeiden. Eine perfekte Umwelt wird unterstellt und Transaktions- und Informationskosten werden ausgeklammert, um wirtschaftliche Prozesse isoliert erforschen und deuten zu können. Anomalien in Bezug auf das ökonomische Verhalten werden auf der Mikroebene akzeptiert, jedoch ihre Bedeutung für die Makroebene aberkannt.
Die Grenzen des Modells
Die traditionelle Soziologie, die ein eigenes Interesse und Handeln von Kollektiven unterstellt, analysiert gerade solche Gruppenprozesse- und Dynamiken. Viele Soziologen werfen diesem Modell vor, es würde Faktoren wie Umwelteinflüsse nicht berücksichtigen, wobei diese das menschliche Verhalten bestimmen und nicht bloß beeinflussen. Der Ökonom betrachtet andererseits diese Faktoren als Bedingungen und Restriktionen, die den Raum vorgeben, in dem das Individuum seine Vorstellungen oder Präferenzen verwirklichen kann. Das Konstrukt des Homo Oeconomicus ist nicht in der Lage das Miteinander von Menschen in einer sozialen Umgebung, in der jeder auf die Handlungen des Anderen reagiert vollständig zu erklären, denn die Welt ist dafür zu komplex.
Max Webers Idealtypus des zweckrationalen Handelns berücksichtigt, im Gegensatz zum Homo Oeconomicus, die resultierenden außerökonomische Nebenfolgen. Dem Prinzip der ökonomischen Rationalität wird vorgeworfen, dass es dazu beigetragen hat, das sich der handelnde Akteur seiner außerökonomischen Verantwortung mit schwerwiegenden Folgen (z.B. Umweltbelastung) entziehen konnte (Hillmann: 1988).
Das ökonomische Modell ist für die Analysen menschlichen Verhaltens nützlich, hat jedoch auch seine Grenzen. Wie kann man beispielsweise die ökonomisch irrationale Entscheidung des Kaufs eines Lotterieloses anhand des Erklärungskonstruktes deuten, wobei es der Grundannahme nutzenmaximierenden Handelns augenscheinlich widerspricht? Der stochastische Wert eines Loses liegt bekannterweise unter der Hälfte seines Kaufpreises und die Lottospieler sind sich dessen bewusst (Beckert und Lutter:2007). Hier stößt die Theorie des Homo Oeconomicus an ihre Grenzen und das Kaufverhalten muss durch herangezogene Theorien der sozialwissenschaftlichen Forschung beleuchtet werden.
Der Soziologe Jens Beckert diskutiert drei Handlungssituationen, die die Grenzen des ökonomischen Modells demonstrieren: Kooperation, Handeln unter der Bedingung von Ungewissheit und Innovation. Alle drei verweisen auf die handlungstheoretischen Grenzen der wirtschaftlichen Theorie und auf die soziale Einbettung ökonomischen Handelns als notwendiger Voraussetzung effizienter Ressourcenallokation (Beckert:1997).
Aufgrund der vielen Kritik wurde der Homo Oeconomicus von den Ökonomen zu einem bloßen theoretischen Konstrukt abgeschwächt, was eine zunehmenden Formalisierung des wirtschaftlichen Menschenbildes zur Folge hatte, die sich zu einem abstrakt-formalen Prinzip der ökonomischen Rationalität und zu einem Leitbild für das tatsächliche ökonomische Handeln entwickelte. (Hillmann: 1988).
Zudem widerspricht das Konstrukt dem Postulat der Werturteilsfreiheit moderner Erfahrungswissenschaften (Hillmann: 1988).
Das RREEMM-Modell nach Lindenberg
Das Menschenbild des Homo Oeconomicus ist der erklärenden Soziologie in seinen Grundannahmen zu einseitig. Nach einem Vorschlag von Siegwart Lindenberg, auf das sich auch Hartmut Esser in seinen soziologischen Theorien beruft, wurde das Modell des Homo Oeconomicus um die wesentlichen Aspekten des Homo Sociologicus-Modells erweitert.
Sein RREEMM-Modell umfasst fünf menschliche Charakteristika: „the resourceful, restricted, expecting, evaluating, maximazing man“. Es berücksichtigt die Einschränkungen (restricted), denen der individuelle Akteur (man) aufgrund von Bedingungen in Handlungssituationen unterworfen ist, die ihn jedoch nicht zwingend auf bestimmte soziale Normen, Rechte und Institutionen festlegen. Er versteht, wie er die bestehenden Bedingungen zur Erreichung seiner Ziele nutzen kann (resourceful) und dass er bestimmte subjektive Erwartungen gegenüber anderen Akteuren hat und diese wiederum etwas von ihm erwarten (expectful). Der Akteur bewertet Handlungsoptionen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (evaluating) und strebt in seinen Handlungsalternativen nach Maximierung seines Gesamtnutzen (maximazing) und neuen Lösungsansätzen.
Folglich bezieht er in seine Entscheidung im Gegensatz zum Homo Oeconomicus auch eigene Intentionen ein und ist nicht ausschließlich egoistisch orientiert, sondern steigert seinen Nutzen eventuell aus z.B. altruistischer Handlung.
Fazit
Bei dem Modell handelt es sich um ein allgemeines, nicht um ein alles erklärendes Modell zur Analyse menschlicher Handlungsweise, daher ist seine Fruchtbarkeit in unterschiedlichen Anwendungsbereichen sehr ungleich. Man könnte das Konstrukt um zusätzliche Annahmen der Zielfunktion oder Restriktionen der betrachteten Individuen ergänzen, jedoch würde dies zu einer erhöhten Komplexität führen. Der Hauptzweck liegt schließlich nicht in der Erklärung des Verhaltens eines einzelnen Individuums.
Die Wirtschaftssoziologie untersucht das Rationalprinzip der neoklassischen Wirtschaftstheorie und bemüht sich um eine realistische, menschliche Theorie des wirtschaftlichen Verhaltens, die auch soziale und kulturelle Einflüsse miteinbezieht. Sie kritisiert und analysiert hauptsächlich den "entemotionalisierten" Akteuren, seine Wertorientierungen und die Annahme, dass der Akteur vollständig informiert ist (Hillmann, 1988). Trotz aller Kritik seitens der Sozialwissenschaftler erfreut sich das Verhaltensmodell weiterhin großer Beliebtheit in den Wirtschaftswissenschaften.
Quellenangaben
- Beckert, Jens. 1997. Grenzen des Marktes. Frankfurt/Main: Campus. S. 17-97.
- Beckert, Jens und Mark Lutter. 2007. „Wer spielt, hat schon verloren? Zur Erklärung des Nachfrageverhaltens auf dem Lottomarkt“. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Jg. 59, S. 240-270.
- Esser Hartmut, Soziologie – Spezielle Grundlagen, Band 1: Situationslogik und Handeln, Band 2: Die Konstruktion der Gesellschaften, Band 4: Opportunitäten und Restriktionen, Campus Verlag, 2002
- Grau, Carlos Ortega. 1963. Untersuchungen über den Homo Oeconomicus und den wirtschaftlichen Behaviorismus. S. 121-125.
- Hillmann, Karl-Heinz. 1988. Allgemeine Wirtschaftssoziologie. München: Verlag Franz Vahlen. S.67-71.
- Kirchgaessner, Gebhard. 1991. Homo Oeconomicus. J.C.B. Mohr. S. 144-165, 233-239.
- McKenzie, Richard B. und Gordon Tullock. 1984. Homo Oeconomicus. Campus. S. 23-43.
