Liberale Ökonomie & koordinierte Ökonomie

Aus Sozwiki

Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

Was ist "Varieties of Capitalism"?

Der Ansatz "Varieties of Capitalism" (VOC) von Peter Hall und David Soskice ist in der politischen Ökonomie angesiedelt und führt die Unterscheidung verschiedener Arrangements von Insitutionen in verschiedenen Varianten des Kapitalismus in verschiedenen national bzw. geographisch definierten Ökonomien, zum einen, um damit geographische und sektorale Unterschiede zu erklären, zum anderen jedoch auch, um damit nationale Wettbewerbsvorteile im internationalen Wettbewerb einer global verflochtenen Weltwirtschaft zu identifizieren. Im weitesten Sinn befasst sich der Ansatz der "Varieties of Capitalism" (VOC) mit den Ursprüngen, Strukturmustern und Funktionen der zum Kapitalismus gehörenden Institutionen, arbeitet international vergleichend Charakteristika heraus und fasst ihre charakteristischen Merkmale generalisierend zu Typen des Kapitalismus zusammen: Firmenstruktur, Corporate Governance, gesetzliche Standards für Produkte und Produktionsverfahren, gesetzliche Rahmenbedingungen für Zugang zu Kapitalmarkt, Institutionen der Bildung- und Ausbildung, industrielle Beziehungen, soziale Sicherungssysteme, im weiteren Sinn auch nationale Wettbewerbspolitik, Währungspolitik stellen maßgebliche Strukturbedingungen dafür dar, wie Unternehmen wirtschaften, wie sie Innovation betreiben. Thematisiert wird dabei auch das zugrunde liegende Verhältnis von Markt und Staat sowie das Ausmaß und die Form, mit der der Staat steuernd in die Ökonomie eingreift. In manchen nationalen Ökonomien zeigen die Staaten traditionell ein hohes Maß an Bereitschaft, Unternehmen notfalls vor der Pleite zu retten und damit Arbeitsplätze zu sichern, in anderen nationalen Ökonomien begrenzt der Staat seine Aktivität auf die Definition der Rahmenbedingungen für das Wirtschaften seiner Akteure und präferiert Zurückhaltung mit direkten Eingriffen in das Wirtschaftsgeschehen.

Der Ansatz "Varieties of Capitalism" (VOC) führt die Unterscheidung zwischen zwei Typen des Kapitalismus ein, den “liberal market economies” (LMEs) und den “coordinates market economies” (CMEs). Als charakteristisches Beispiel für die “liberal market economies” (LMEs) können die Vereinigten Staaten von Amerika gelten, als charakteristisches Beispiel für die “coordinated market economies” (CMEs) kann der koordinierte Kapitalismus Deutschlands zumindest in seiner bis Mitte der 1990er Jahre charakteristischen Verflechtungsstruktur der "Deutschland AG" gelten, ebenfalls jedoch auch die japanische Volkswirtschaft.

Nationalstaatliche Institutionsstrukturen (Regulationsregime) werden konstituiert durch das Zusammenwirken von Arbeitsmarktregulierung, Institutionen der Ausbildung, Berufsbildung und Weiterqualifikation, Corporate Goverments, gesetzlichen Rahmenbedingungen für Produkt, Verfahren und den Zugang zum Kapitalmarkt, soziale Sicherungssysteme, Umweltgesetzgebung, usw. usf. - die Regime bilden bedeutende Strukturbedingungen dafür, wie ein Unternehmen wirtschaften kann, welche Wettbewerbsstrategie es im Licht des globalen Marktwettbewerbs verfolgen wird, in welcher Relation es mit anderen Unternehmen und Institutionen vor Ort steht und wie es Innovation betreibt. Charakteristisch für die “liberal market economies” (LMEs), wie man sie vor allem in den angelsächsischen Ländern antrifft, ist eine staatliche Deregulierungspolitik, bei welcher der Staat seine Rolle vor allem darin sieht, Wirtschaftssubjekten Leistungsanreize bzw. Anreize zu Beteiligung an wirtschaftlichem Austausch zu setzen und sich mit Eingriffen in die Ergebnisse des Marktwettbewerbs zurückhält. Charakteristisch für die “coordinates market economies” (CME) ist hingegen eine aktive staatliche Politik, die programmatisch eine Richtung einer Ökonomie definiert und proaktiv Maßnahmen zu ihrer Realisierung ergreift ('Standortpolitik', 'ökologische Innovation', 'soziale Verantwortung') und eingreift, wenn (größere) Unternehmen in ihrem Forbestand gefährdet sind. Seit etwa den 1980er Jahren sind liberale und koordinierte Ökonomien verstärkt mit denselben Wandlungsprozessen konfrontiert worden: demographischer Wandel, technologischer Wandel, globale Finanzmarktverflechtung usw. Tendenzen einer Angleichung von liberalen und koordinierten Ökonomien unter dem Einfluss zunehmender wirtschaftlicher Verflechtung im globalen Finanzmarktkapitalismus zeichen sich ab.

Der Deutsche Fall: Die koordinierte Marktökonomie (CME)

Die deutschen Unternehmen sind institutionell in ein langfristiges Beziehungsgeflecht (langfristige Kredite, langfristige Beschäftigungssicherheit, langfristige Unternehmenskooperationen) eingebunden, da diese Form Innovationen unterstützt, weswegen Deutschland von den „Varieties of Capitalism“ als koordinierte Marktökonomie bezeichnet wird. Weitere Eigenschaften einer koordinierten Marktökonomie am Beispiel Deutschlands sind:

  • Sehr begrenzte Finanz- und Gewinntransparenz
  • Enge Klientelbeziehungen der Akteure
  • Zwangsmitgliedschaften als Standard
  • Hohe Normierung und hoher Einfluss des Netzwerkes auf den Staat
  • Geringe Macht der Firmenleitung gegen Aufsichtsrat, Gewerkschaft, Managern, Personal
  • Hochqualifiziertes Personal, hohe Autonomie, geringe Kontrolle
  • Geringe Lohndifferenzen (Tarifkartell)
  • Meritokratie der Ausbildung und Positionseinstufung
  • Koordiniertes Ausbildungssystem
  • Langfristige Arbeitsverträge, geringe Kündbarkeit
  • Geringe Innovationsfähigkeit mangels Einfluss auf Personalstruktur
  • Stattdessen langfristige Verbesserung bewährter Produkte und Weiterbildung
  • Geregelter Technologietransfer

Nachteilig wirken sich solche langfristigen Beziehungen aber in den neuen Hochtechnologie-Branchen aus, die durch diskrete Entwicklungspfade und radikale Innovationen geprägt sind. Hier sind für Unternehmen häufig schnelle Anpassungen erforderlich.

Der Amerikanische Fall: Die Liberale Marktökonomie (LME)

Für radikale Innovationen sind die institutionellen Rahmenbedingungen in angelsächsischen Ländern wie den USA und Großbritannien förderlicher, da dort institutionell kurzfristige Beziehungen unterstützt werden, was ein Engagement in reifen Branchen eher entmutigt, sich jedoch in radikal-innovativen Branchen als sehr förderlich erweist. Da institutionell kurzfristige Beziehungen unterstützt werden und dadurch Unternehmen eine große Handlungsfreiheit besitzen, werden die USA und Großbritannien von den „Varieties of Capitalism“ als liberale Marktökonomie bezeichnet. Weitere Eigenschaften einer liberalen Marktökonomie am Beispiel der USA sind:

  • Sehr begrenzte Finanz- und Gewinntransparenz
  • Shareholder Value als Kapitalzugang
  • Übernahme und Fusionen leicht machbar
  • Profite und Finanzdaten transparent
  • Individuelle, nicht korporative Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer
  • Uneingeschränkte Macht des Board/CEO
  • Keine Mitbestimmung
  • Hochgradig flexibler Arbeitmarkt nach innen und außen
  • Keine koordinierte oder geregelte Berufsausbildung
  • Allgemeines Bildungssystem generalistisch und universal
  • Basis: Markt und Privatrecht plus Anti-trust-Gesetzgebung
  • Kein geregelter Technologietransfer, stattdessen Personalfluktuation
  • Kaum Normsetzung, stattdessen Marktdominanz
  • Kaum koordinierte Forschung


Radikale und inkrementelle Innovation

Nationalstaatliche Regulationsregime von Arbeitsmarktregulierung, Institutionen der Aus- und Weiterbildung, Unternehmensführung und -kontrolle, gesetzliche Rahmenbedingungen für Produkt, Verfahren und den Zugang zum Kapitalmarkt, soziale Sicherung, Umweltgesetzgebung bilden die Strukturbedingungen dafür, welche Wettbewerbsstrategien Unternehmen im Licht des globalen Marktwettbewerbs wählen können und welche Innovationsstrategien den Weg zum Markterfolg ebnen.

Traditionell haben Unternehmen in den "liberal market economies" (LMEs) umfangreiche Erfahrung und Expertise mit Strategien der radikalen Innovation, Unternehmen der "coordinated market economies" (CMEs) mit Strategien der inkrementellen Innovation. Mit radikaler Innovation bezeichnen Hall/Soskice (2001) die Entwicklung neuer Produkte und Verfahrenstechniken, das Hervorbringen neuer Produkte, Technologien, die Eroberung neuer Märkte. Hier erscheint es passend, von marktgetriebener Innovation zu sprechen, weil die Marktanalyse der Innovation vorausgeht und den Innovationsprozess vorantreibt. Radikale Innovation wird durch Formen der projektbezogenen Zusammenarbeit gestützt.

Mit inkrementeller Innovation, wie sie für Unternehmen in den "coordinated market economies" (LMEs) charakteristisch ist, meinen Hall/Soskice die Verbesserung und Variation vorhandener Produkte und Verfahrenstechniken in kleinen, inkrementellen Schritten und die Erschließung neuer Anwendungsgebiete für vorhandene Produkte und Verfahrens. Hier kann man von technikgetriebener Produktion sprechen, da der Innovationsprozess ausgehend vom bisherigen Produktionsprozess mit einer ausgeprägten technischen Orientierung erfolgt. Inkrementelle Innovation wird durch nicht-marktlich koordinierte, eher kooperative Beziehungen in stabilen, auf Dauer angelegten Beziehungen der Forschung und Entwicklung gestützt.

Literatur

  • Höpner, Martin. 2006. "Capitalism, Varieties of". In: Jens Beckert und Milan Zafirowski (Hg.). Interntational Encyclopaedia of economic sociology. London/New York: Routledge. S. 40-44.
  • Berghoff, Hartmut; Vogel, Jakob. 2004. Wirtschaftsgeschichte als Kulturgeschichte. Dimensionen eines Perspektivenwechsels. Frankfurt: Campus Verlag. S. 272-294.
  • Bluhm, Katharina. 2007. Experimentierfeld Ostmitteleuropa? Deutsche Unternehmen in Polen und der Tschechischen Republik. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 36-60 und 64-88.
  • Guenther, Tina. 2007. Struktur- und Kulturwandel international tätiger deutscher Unternehmen. Das Beispiel des Bayer-Konzerns. Wiesbaden: DUV.
  • Hall, Peter und David Soskice. 2001. Varieties of Capitalism. The institutinal foundations of competitive advantage. Oxford: Oxford University Press. S. 1-68.
  • Höpner, Martin. 2003. Wer beherrscht die Unternehmen? Frankfurt/Main: Suhrkamp.
  • Münch, Richard und Tina Guenther. 2005. „Der Markt in der Organisation. Von der Hegemonie der Fachspezialisten zur Hegemonie des Finanzmanagements.“ In: Paul Windolf (Hg.). Finanzmarkt-Kapitalismus. Analysen zum Wandel von Produktionsregimen. Sonderheft 45/2005 der KZfSS. S. 394-417.
Persönliche Werkzeuge