Online-Forschung
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Begriffsdefinition
Die Soziologie ist eine empirische Wissenschaft, die systematisch wahre Aussagen über Regelmäßigkeiten so wie Wahrscheinlichkeiten sozialer Prozesse gewinnen möchte. Dabei spielen statistische Methoden eine wichtige Rolle. Neben dem persönlichen, schriftlichen und telefonischen Interview gehören hierzu auch systematische Beobachtungsverfahren, Inhaltsanalysen und Experimente. Diese Methoden können auf eine Vielzahl an Forschungsgebieten angewandt werden, zum Beispiel zur Erforschung der Veränderungen von Familienformen, das Ausmaß und die Ursache sozialer Mobilität, aber auch auf Gebieten wie beispielsweise Film- oder Stadtsoziologie. Ebenfalls werden die Methoden in der Marktforschung gebraucht, um zum Beispiel die Wirkung eines neuen Produktes zu erforschen.
Online-Forschung bedeutet in erster Linie, die Methoden der empirischen Sozial- und Marktforschung mit Hilfe des Internets anzuwenden. Der Begriff „Online-Forschung“ ist allerdings keineswegs fest in Theorie und Praxis etabliert. Neben ihm können auch Begriffe wie „Internetforschung“, „Internet-Marktforschung“ bzw. „Online-Marktforschung“ oder auch „Internet-Research“ bzw. „Online-Research“ für den gleichen Sinn Verwendung finden. Die „Online-Forschung“ stellt also eine neue Möglichkeit der empirischen Sozial- und Marktforschung dar, die durch die weltweite Vernetzung von Computern möglich geworden ist.
Die verschiedenen Bereiche
Online-Forschung kann jedoch auch eine andere Bedeutung haben. Die verschiedenen Bereiche lassen sich in folgender Weise unterteilen:
► Das Internet als Methode und Instrument
► Das Internet als Gegenstand
► Das Internet als Mittel
Das Internet als Methode und Instrument
Methode und Instrument ist das Internet, wenn der Forscher Informationen und Daten mit und im Internet erhebt. Dies stellt, insbesondere in Deutschland, einen der wichtigsten Zweige der Online-Forschung dar. Mittlerweile sind die Instrumente so vielfältig wie in der klassischen empirischen Forschung, da sich ein großer Teil der wirtschaftlich interessanten Zielgruppen über das Internet erreichen lässt. Das Internet ist hierbei vielfältig als Erhebungsinstrument einsetzbar, es kann z.B. schon bei der Recherche zur Erstellung eines Intstruments eingesetzt werden oder bei der Ermittlung einer ganz grundsätzlichen Datenlage, sowie auch im Bereich der reaktiven Datenerhebung mit Hilfe von Web-Experimenten oder Web-Umfragen. Als Instrument dient das Internet, wenn Daten erhoben werden, die nur im Internet in dieser Form möglich sind, wie es im Bereich der non-reaktiven Datenerhebung durch Logfiles und die Auswertung von Datenspuren der Fall ist.
Aber warum wird Sozialforschung überhaupt im Internet betrieben? Dies hat vielfältige Gründe, einer ist, dass immer mehr Leute online sind und sich ein großer Teil ihres Kommunikationsaustausches und ihrer Informationsgewinnung über das Internet abspielt. Somit ist es naheliegend, dass auch hier viele Personen anzutreffen sind, die für die Sozialforschung interessant sein können. Ebenso sind hier viele Daten vorhanden, aus denen sich mit geeigneten Methoden Aussagen über die soziale Wirklichkeit regenerieren lassen. (s.a.: Vorteile)
Das Internet als Forschungsegenstand
Hierbei wird das Internet selbst Gegenstand der Forschung und ist vor allem in Bezug auf seine Nutzer und die charakteristischen Nutzungsweisen interessant. Immer mehr Phänomene spielen sich heute online ab, ob die Partnersuche, das Leben in virtuellen Welten wie Second Life oder die nächste Shoppingtour, über diese und weitere möchten Forscher etwas erfahren, sowie auch insbesondere über die gesellschaftlichen Auswirkungen. Hierbei müssen die Untersuchungen zur Internetnutzung aber nicht unbedingt im Internet selbst stattfinden. Unter Umständen kann also eine Überschneidung stattfinden. Es handelt sich jedoch nur dann um Online-Forschung, wenn das Internet Gegenstand der Untersuchung ist und ebenso Methode und Instrument im Internet abgewickelt werden.
Das Internet als Forschungsmittel
Das Internet ist nicht nur Forschungsgegenstand (mit dem Forschungsinteresse: Wer ist online? Was sind charakteristsische Nutzungsweisen? Was sind charakteristische Praktiken der Selbstdarstellung? Welche Beziehungen, Normen, Ordnungen entstehen?), sondern auch Mittel der Erhebung und Auswertung sozial relevanter empirischer Daten. Soll das Internet also nicht nur Forschungsgegenstand, sondern ebenfalls Forschungsmittel eingesetzt werden, müssen entweder neue Daten im Internet erhoben werden, oder es müssen existierende Daten aus dem Internet gezogen werden, in eine für die statistische Auswertung geeignete Form gebracht werden. Im Anschluss an diese Datenerhebung oder Datenerschließung muss eine Datenauswertung und Dateninterpretation im Sinn einer zuvor festgelegten Fragestellung stattfinden. Die Methoden der empirischen Sozialforschung sind (quantitative oder qualitative) Befragung, (teilnehmende oder nicht-teilnehmende) Beobachtung, Inhaltsanalyse, Gruppendiskussion, Experiment; die Online-Forschung befindet sich in einem sehr dynamischen Entwicklungsprozeß, besonders die Methoden der quantitativen empirischen Sozialforschung für das Internet nutzbar, im Internet als Online-Methode durchführbar und in einem automatisierten Verfahren für die statistische Datenauswertung zugänglich zu machen.
Unter Data Mining bzw. Web-Mining (englisch für „Datenschürfen“) versteht man die Anwendung von Methoden, die meist statistisch-mathematisch begründet sind, auf einen Datenbestand mit dem Ziel der Mustererkennung. Große Datenmengen fallen in Unternehmen und staatlichen Verwaltungen an, aber ebenfalls auch in Forschungsprojekten und im Internet (unbeabsichtigt hinterlassene Datenspuren). Das Data-Mining und Webmining stellt einen Korpus von Methoden bereit, die darauf gerichtet sind, charakteristische Regeln, Muster und statistische Auffälligkeiten aufzufinden. So lassen sich z. B. milieuspezifische Verhaltensweisen von Nutzergruppen, Firmenkunden etc. identifizieren, ebenso Verhaltensänderungen oder auch abweichendes Verhalten einzelner Personen. Unternehmen haben Interesse an Evaluation von Kundendaten, um ihre Strategien anpassen zu können. Datenschützer haben zunehmend ein kritisches Auge auf das Data-Mining, weil Persönlichkeitsrechte in Gefahr geraten, wenn Daten über Personen beliebig zu neuen Datensätzen kombiniert und ausgewertet werden können.
Historischer Überblick und Entwicklung
Die Geschichte der Online-Forschung steht in enger Verbindung mit dem Erfolg des Internets. Durch die Vereinfachung der Internetnutzung und der damit einhergehenden Nutzerausbreitung, ist es seit Mitte der 90er Jahre möglich, größere Populationen im Internet zu erreichen. Durch die Massennutzung des Internets rückte dieses als Phänomen in den Blickpunkt der Sozialwissenschaften sowie der Wirtschaftswissenschaften. Schnell wurde erkannt, dass das Internet die Möglichkeit bietet, das Verhalten von Menschen zu beobachten. Untersuchungsobjekte ließen sich plötzlich in großer Zahl rekrutieren, mit denen Umfragen durchgeführt so wie Daten ausgewertet werden konnten. Erste Formulare wurden mittels HTML und in Handarbeit online gestellt und zur Datenerhebung meist für die universitäre Forschung genutzt. Doch bereits im Jahr 1995 kam es in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu einer Institutionalisierung und Professionalisierung der Online-Forschung. Im Jahr 1996 wurde die German Internet Research List für methodische und andere Fragen zur internetbasierten Datenerhebung gegründet. Aufgrund regen Austausches auf dieser Mailingliste wurde die Konferenzserie „German Online Research“ (GOR) entwickelt, die seit dem Jahr 2005 unter dem Namen „General Online Research“ veranstaltet wird. Diese hat sich mittlerweile zu einer der weltweit wichtigsten Fachkonferenzen zum Thema Online-Forschung entwickelt. Zur enormen Verbreitung tragen jedoch auch die zahlreiche internetgestützte Befragungen von nicht–professionellen Nutzern bei, wobei die genaue Anzahl dieser bis heute unbekannt ist. Dagegen lässt sich die kommerzielle Markt- und Meinungsforschung gut nachzeichnen: Im Jahr 1998 lag der Anteil der Online-Interviews von allen Umfragen der deutschen Institute bei ein Prozent, er wuchs jedoch auf bereits 27% im Jahr 2007. Dieser Wert ist erstmals höher als der der persönlichen Interviews und soll laut dem Arbeitskreis Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute e.V. in den kommenden Jahren noch ansteigen.
Ablauf einer empirischen Online-Studie
Ausgangspunkt jeder empirischen Untersuchung - ob online oder offline - ist ein Informationsdefizit, dies kann in Form einer Forschungsfrage eines Auftraggebers vorliegen oder als eigenes Forschungsproblem. Das Forschungsziel besteht in der Erklärung, Prognose und Darstellung von sozialen Ereignissen und Realitäten. Der Forschungsprozess wird in der empirischen Sozialforschung als Ablauf miteinander verzahnter Schritte und Entscheidungen beschrieben. Dieser Ablauf tritt auf alle Formen der empirischen Forschung zu, so auch auf die Online-Forschung. Dabei werden die ersten beiden Schritte „Auswahl des Forschungsproblems“, sowie „Theoriebildung“ von Auftragsforschern normalerweise übersprungen, da der Kunde eine konkrete Fragestellung vorgibt. Auf jeder Stufe ergeben sich – je nach Fragestellung- online neue Möglichkeiten, aber auch Forschungsfragen (s.Abb.2). Bei der Entscheidung für oder gegen eine Herangehensweise sind deren spezifische Potentiale zu beachten. Hierbei sind sowohl quantiative wie auch qualitative Unterschiede im Forschungsprozess möglich. Insbesondere ergeben sich quantitative Unterschiede durch die Zeit- und Geldersparnis bei der Online-Recherche, –Auswahl, -Erhebung und –Auswertung. Der Forschungsprozess kann auf diesem Wege rationalisiert und somit beschleunigt werden. Hingegen ergeben sich qualitative Veränderungen oftmals aus einer unklaren Beurteilungsmöglichkeit von Internet-Inhalten. Bei der Recherche kann der Wissenschaftler online auf Inhalte treffen, deren Quelle und Verlässlichkeit schwer einzuschätzen sind. Ebenso gibt es die bei Printveröffentlichungen üblichen Review-Prozesse bei Online-Publikationen nicht immer, dafür sind jedoch die Beiträge, die online veröffentlicht wurden, einem breiten Publikum zugänglich.
Der Forschungsprozess
Forschungsebenen im online/offline-Vergleich
Vor- und Nachteile von webbasierten Datenerhebungsverfahren
Vorteile
Die wichtigsten Vorteile:
• Schnelligkeit
• Sparsamkeit
• Interaktivität
• Erreichbarkeit
Mit Online-Befragungen können nahezu unbegrenzt viele Befragte auf der ganzen Welt schnell und zeitgleich kontaktiert werden. Die Online-Forschung bietet somit eine immense Zeitersparnis, da die Feldzeit durch direkte Dateneingabe verkürzt wird. Der Befragte kann an jedem Ort mit Internetzugang an der Datenerhebung teilnehmen (Alokalität) und kann dabei den Zeitpunkt der Datenerhebung frei wählen (Asynchronität). Ein weiterer Vorteil ist die (höhere) Anonymität, die durch die Kommunikation zwischen den Beteiligten über das Internet vermittelt wird. So entfallen die unter Umständen gegebenen Interviewereinflüsse.
Das Hauptargument für Online-Befragungen stellt aber insbesondere die ausgesprochen geringen Kosten dar. Für das online-basierte Interview benötigt es keinen Interviewer, somit fallen sämtliche, hiermit verbundene Kosten weg, wie zum Beispiel die Interviewerkosten, die Interviewerschulungen usw. .Auch das Drucken der Fragebögen entfällt und somit die Ausgaben hierfür.
Ein weiterer Vorteil im Vergleich zum herkömmlichen Papierfragebogen sind die erweiterten Möglichkeiten der Fragebogengestaltung. Online-Fragebögen können mit Multimediaelementen wie Audio- oder Videosequenzen versehen werden.
Außerdem wird durch die onlinebasierte Befragung die Protokollierung der Interviewdauer sowie auch die der Abbruchfrage (Lurker) möglich. Auch die Archivierung der Fragebögen wird erleichtert.
Nachteile
Auch wenn internetbasierten Befragungen viele Vorteile mit sich bringen, so muss doch auch der Weg betrachtet werden, wie die Daten entstanden sind. Hier gibt es im Bereich der Online-Forschung vielfältige Einschränkungen im Bereich der Repräsentativität.
Repräsentativität
Bei der Durchführung von Befragungen, die zum Ziel eine Generalisierung haben, muss die Grundgesamtheit bekannt sein. Außerdem muss jedes Mitglied dieser Grundgesamtheit eine von Null abweichende Chance haben, in die Stichprobe aufgenommen zu werden. Dies ist schwierig, da der Anteil der Internetnutzer in Deutschland zwar wächst, jedoch noch lange nicht jeder Zugang zum Internet hat. 2007 nutzten 62,7 Prozent der Deutschen ab und zu das Internet. Ebenso gibt es keine Listen, in denen alle Internetnutzer registriert sind. Somit ist die Repräsentativität von Online-Befragungen nur dann gegeben, wenn die untersuchte Grundgesamtheit klein ist und deren Mail-Adressen bekannt sind oder aber wenn ein erheblicher Aufwand durchgeführt wird, um die Repräsentativität der Gesamtbevölkerung zu gewährleisten. Eine Ausnahme hiervon stellen Untersuchungen mit experimentellem Charakter dar, hier geht es nicht um die Repräsentativität, sondern um den Vergleich mehrere Gruppen.
Fazit
In einer Welt, in der die globale Vernetzung immer wichtiger wird und das Internet einen immer bedeutenderen Platz im Alltag der meisten Menschen eingenommen hat, ist es nicht verwunderlich, dass diese Entwicklung auch eine Bedeutung für die Soziologie haben musste. Trotz technischen Ursprungs sind es die Menschen, die das „Leben“ des Internet bestimmen und diese sind hier in großen Massen unterwegs. Zu jeder Tageszeit und an jedem Ort, ganz egal welcher Herkunft, welchem Alters und Geschlechts, das Internet bietet die Möglichkeit (abgesehen von einigen Ausnahmen) theoretisch nahezu jede beliebige Person zu erreichen. Unabhängig von Raum und Zeit kann das Internet somit zu einem Forschungspool, wahrscheinlich dem größten der Welt, werden. Auch wenn das Internet nicht für jede Forschungsfrage und Absicht ein geeignetes Instrument für die Datenerhebung- und –auswertung darstellt, so lässt sich doch sagen, dass es als Forschungsfeld der empirischen Sozialforschung in der heutigen Zeit unumgänglich geworden ist.
Und auch für die kommenden Jahre ist die Weiterentwicklung der Onlineforschung abzusehen, denn der Prozess der weltweiten Vernetzung ist noch lange nicht abgeschlossen. Nicht nur die Zahl der Internetnutzer steigt an, sondern auch die Vielfalt der Geräte, mit denen das Internet genutzt werden kann, wie beispielsweise ein Flachbild-TV oder Handys. So wird voraussichtlich der heute noch relativ junge Bereich der Online-Forschung in der empirischen Forschung einen immer größeren Bereich einnehmen und in den kommenden Jahren noch mehr an Bedeutung gewinnen.
Siehe auch
• Online-Forschung [[1]]
• Empirische Sozialforschung [[2]]
• Marktforschung [[3]]
• Online-Umfrage [[4]]
• Fragebogen [[5]]
• Datenverarbeitung [[6]]
• Das Internet [[7]]
• Geschichte des Internet [[8]]
Weiterführende Literatur
- Diekmann, Andreas: Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. Hamburg 2007.
- Dreyer, Marcus/ Starsetzki, Thomas/ Theobald, Axel (Hrsg.): Online-Marktforschung. Theoretische Grundlagen und praktische Erfahrungen. Wiesbaden 2001.
- Jackob, Nikolaus/ Schoen, Harald/ Zerback, Thomas (Hrsg.): Sozialforschung im Internet. Methodologie und Praxis der Online-Befragung. Wiesbaden 2009.
- Scholz, Joachim/ Werner, Andreas/ Welker, Martin: Online-Research. Markt- und Sozialforschung mit dem Internet. Heidelberg 2005.
Online-Quellen
• [9] : ADM: Arbeitskreis Deutscher Markt- und Sozialforscher e.V.
• [10] : ARD/ZDF Online-Studie 2007


