Organisationssoziologie
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Was ist Organisationssoziologie?
Mit Organisationssoziologie, einer Teildisziplin der Soziologie, bezeichnet man die theoriesoziologische und empirische Erforschung von Organisationen in ihrer Vielgestaltigkeit z.B. als Unternehmen, Verwaltung, Verband, Partei, Schule, Universität, Krankenhaus, Nervenheilanstalt, Medienanstalt, Gericht, Theater, Kirche, Militär, und Nichtregierungsorganisation (NGO). Während bei der Organisationsforschung in Betriebs- und Managementlehre auf Steuerung und effektive Durchsetzung von Entscheidungen sowie auf die Steigerung wirtschaftlicher Effizienz abzielende Betrachtung der Strukturen und Prozesse im Vordergrund steht, richtet die Organisationssoziologie ihr Augenmerk auf die theoretische Durchdringung und empirische Erforschung all dessen, was eine Organisation ausmacht. Zielsetzung der Organisationssoziologie ist es unter anderem, (1) Organisationen zu beschreiben, (2)zu erklären, wie Organisationen entstehen und weshalb es überhaupt Organisationen gibt, (3) aufzuklären, wie Organisationen trotz des scheinbaren 'Chaos' in ihren Strukturen und Prozessen funktionieren (vgl. Preisendörfer, 2005: 12 f.). Ebenfalls geht die Organisationssoziologie der Frage nach, was den Wandel von Organisationen vorantreibt, was die Organisation mit anderen Organisationen verbindet und was die Organisation mit der Gesellschaft verbindet: z.B. ihre formale Struktur, Satzung, Ziele, Funktionen, Mitgliedschaft, Macht und Kontrolle, Regeln, Wertvorstellungen, Kommmunikationsprozesse, Wissensgehalte, Lernprozesse, Entscheidungen, ihren Wandel im Zeitablauf, ihre Vernetzung mit anderen Organisationen, sowie die Einbindung einer Organisation in die institutionelle Struktur der Gesellschaft und ihre kulturelle Verankerung.
Die Organisationssoziologie ist ein Teilgebiet der Soziologie und zugleich interdisziplinär mit der Betriebswirtschaftslehre, der Managementforschung, der Politikwissenschaft und der Psychologie verbunden (Peter Preisendörfer, 2008: 12; Davis, 2006: 487). Weitere angrenzende Teilgebiete sind die [Wirtschaftssoziologie], die [Arbeits- und Industriesoziologie], die [Techniksoziologie] und die Professionssoziologie.
Die Organisationssoziologie stellt eine mittlere Analyseebene des Sprechens über Gesellschaft dar. Dabei kann man auf die Unterscheidung von Niklas Luhmann (1998: 812-846) und von Richard Münch (2002: 14) zurückgreifen: der Gesellschaft als oberster Ebene, der Organisation als intermediärer Ebene und der Interaktion als unterster Ebene soziologischer Analyse. Unter einer Gesellschaft sollen alle Strukturen und prozesse des sozialen Lebenss verstanden werden, die sich auf nationale Gesellschaften ebenso wie supranationale Gebilde (z.B. Europäische Union) und die Weltgesellschaft beziehen. Dazu gehören auch die generalisierten Interaktionsmedien Geld, Macht, Einfluss und Wertcommitments, die in Sozialsystemen (losgelöst von Akteuren) zirkulieren. Die Gesellschaft ist durch einen höheren Organisationsgrad und i.d.R. durch eine höhere Beständigkeit gekennzeichnet als Organisation und Interaktion. Die intermediäre Analyseebene bildet die der Organisation mit einem mittleren Organisationsgrad. Dazu gehören Arbeitsteilung, Herrschaft, Vereinigung und Diskurs. Die unterste Analyseebene bildet die des Handelns und der Interaktion. Interaktionssysteme eher zufällig und stets kurzfristig entstehen lässt, wo immer Menschen einander begegnen. Interaktionssysteme lösen sich wieder auf, wenn die Menschen auseinandergehen. Die Interaktion ist stärker situativ bestimmt als Gesellschaft und Organisation, ihr Organisationsgrad am geringsten. Aspekte der Interaktion sind Tausch, Kooperation, Konflikt, Sinnkonstruktion und Kommunikation.
Was ist eine Organisation?
In der Soziologie ist der Begriff der "Organisation" eng mit den Begriffen des "Organisierens" im Sinne einer Tätigkeit verbunden und bezeichnet ein geplantes, koordiniertes Vorgehen von Mitgliedern einer Organisation, welches auf Realiserung einer bestimmten Zielsetzung gerichtet ist. Dieses Handeln ist gerahmt durch einen die Formalstruktur einer Organisation, die eine Satzung beinhaltet, die Unterscheidung zwischen Mitgliedschaft und Nicht-Mitgliedschaft einführt, die Mitgliedschaftsrollen definiert, die Mitglieder mit bestimmten Erwartungen konfrontiert und einer bestimmten äußeren Form folgt (institutionelle Regeln).
Die Soziologie unterscheidet zwischen den formalen Regeln (definiert durch eine Satzung) und den informellen Regeln. Die Organisationssoziologie untersucht Organisationen als soziale Institutionen (im Hinblick auf ihre Regelhaftigkeit), als soziale Systeme (im Hinblick auf die Unterscheidung von Sozialsystem und seiner Umwelt).Sie betrachtet Organisationen aber auch als korporative Akteure (hier tritt die Organisation in der Gesellschaft als kollektiver Handelnder auf).
Gareth Morgan (1997) verwendet zur Charakterisierung von Organisationen Metaphern: (1) Organisation als Maschine, (2) Organisation als Organismus, (3) Organisation als Gehirn, (4) Organisation als Kultur, (5) Organisation politisches System, (6) Organisation als psychisches Gefängnis, (7) Organisation als Fluss im Wandel, (8) Organisation als Herrschaftsinstrument. Die Maschinenmetapher wird verwendet, um auf eine starre Arbeitsteilung wie in der fordistischen und tayloristischen Industrieproduktion des frühen 20. Jahrhunderts sowie auf eine statische Zuordnung von Strukturen und Funktionen hinzuweisen. Die Metapher der Organisation als biologischem Organismus lässt den Gedanken zu, dass Organisationen dynamisch wachsen, sich in ihrer inneren Struktur und äußeren Erscheinung verändern, sich die Zuordnung von Strukturen und Funktionen verändert wie beim biologischen Organismus. Die Gehirn-Metapher verweist auf die Bedeutung immer neuer Netzwerkverbindungen hin, speziell für Prozesse der Informationsverarbeitung und des organisationalen Lernens. Mit der Kulturmetapher ist angedeutet, dass Organisationen über bestimmte Skripte verfügen, die Situationen und Bedeutungen miteinander verknüpfen und Akteuren Orientierung für ihr Handeln bieten. Die Metapher der Organisation als politisches System deutet an, dass Mikropolitik des strategischen Handelns zur Vorteilsnahme zum Alltag in Organisationen gehört. Die Metapher der Organisation als pychisches Gefängnis ist ein Verweis auf die 'totale Organisation' bei Erving Goffmann, die ihre Mitglieder als Insassen behandelt und bis in alle Aspekte der überwachten Identität aufzeigt (graduell verschieden und inhaltlich unterschiedlich ausgestaltet etwa im Krankenhaus, beim Militär oder im Gefängnis). Die Metapher der Organisation als Fluss im Wandel eröffnet die Interpretation der die Organisation als Strom konstituierender Ereignisse (z.B. Entscheidungen). Die Metapher der Organisation als Herrschaftsinstrument verweist schließlich auf Max Webers Bild der modernen Organisation als 'stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit', die sich von den mit ihrer Gründung verknüpften Motiven und Zwecksetzungen entkoppelt hat, ihr Eigenleben und Eigendynamik entfaltet und das Leben der Menschen in allen Aspekten unausweichlich beherrscht (Max Weber, 1920/1980 "Wirtschaft und Gesellschaft", S. 833-835).
Ursprünge der Organisationssoziologie
Während sich Fragestellungen der frühen Organisationsforschung auf Organisationen per se richteten - z.B. auf Bedeutung und Funktionen ihrer Hierarchie und Formalstruktur - richteten sich neuere Forschungsarbeiten vermehrt auf das Verhältnis von Organisationen und ihrer Umwelt: So deutete Max Weber in seiner [Bürokratietheorie] die moderne bürokratische Organisation als reinste Form der rational-legalen Herrschaft und arbeitete die charakteristischen Strukturmerkmale heraus, welcher der modernen Organisation zur effektiven Durchsetzung von Entscheidungen und zu wirtschaftlicher Effizienz verhelfen und die sie von der vormodernen Organisationsform unterscheiden.
Daneben haben auch Ronald Coase' Arbeiten über die Struktur der Firma und die Forschungen der Carnegie School Grundlagenarbeit für die Organisationssoziologie geleistet. James March und Herbert Simon sind in "Organizations" (1958) der Frage nachgegangen, wie und weshalb eine Organisation ihre eigentümlichen Eigenlogik und Eigendynamik entfaltet, obgleich doch sie doch aus vielen Akteuren mit ihren (jeweils begrenzten) Rationalität und begrenzten Kapazität zur Verarbeitung von Informationen besteht. Die Antwort der beiden Forscher lautete, dass Hierarchie, entlang einer übergreifenden Befehls- und Kommandostruktur, die Funktion der Informationsverarbeitung der Organisation, für die die Metapher eines Computerprogramms geeignet erscheint: Die Bürokratie unterteilt komplexe Entscheidungsprobleme, welche die Informations- und Entscheidungskapazität des Akteurs übersteigen, in viele kleinere Probleme bzw. 'Pakete', die separat gelöst und deren Lösungen anschließend wieder zu einem großen Ganzen aggregiert werden können, ähnlich wie Computer Probleme in kleine Pakete unterteilen und diese mit vielen separaten Routinen bearbeiten. Thompson (1967) schließlich komplettierte die Grundlagen der Organisationssoziologie der Carnegie School mit seiner Studie "Organizations in Action" - sein Fokus war nicht so sehr auf die Frage gerichtet, ob und weshalb Organisationen hierarchisch sind, sondern was sie tun können, um Rationalität in einer durch Unsicherheit gekennzeichneten Welt erreichen zu können. Organisationen sind offene Systeme, die von wechselnden und oftmals unbekannten Ressourcen aus ihrer Umwelt abhängig sind, doch werden Organisationen sowohl von ihren Teilnehmern als auch von Akteuren außerhalb entsprechend bürokratischen Standards wahrgenommen und beurteilt. Ihre Strukturen und Handlungen reflektieren Versuche, mit Druck von verschiedenen Quellen umzugehen, und deshalb ist die 'richtige' Struktur abhängig davon, mit welchen Quellen der Unsicherheit eine Organisation konfrontiert ist und wer sie beurteilt (vgl. Davis, 2006: 487 f.)
Theorieperspektiven
Peter Preisendörfer (2005) unterscheidet mit Orientierung an W. Richard Scott (2003) drei Gruppen von Organisationstheorien: (1) Organisationen als rationale Systeme, (2) Organisationen als natürliche Systeme, und (3) Organisationen als offene Systeme.
(1) Die Perspektive der Organisation als rationale Systeme ist bis heute die dominierende, am weitesten verbreitete und für Entscheider häufig handlungsleitende Perspektive des Sprechens über Organisation. Hier liegt die Vorstellung zugrunde, dass eine Organisation eine zur Verfolgung bestimmter Zwecksetzungen gegründet und in ihrem Handeln auf diesen Zweck bezogen bleibt, und weiter, dass die Organisation ein rational planbares und steuerbares Gebilde darstellt und in der Gesellschaft als ein "rationaler Akteur" auftritt: (1) Die Organisationsziele sind Richtschnur des organisationalen Handelns, (2) die formale Organisationsstruktur (z.B. Arbeitsteilung, Anzahl der Hierarchieebenen) definiert die Gestaltungsspielräume, (3) der Blick ist auf das Management als zentrale Steuerungsinstanz fokussiert, (4) im "rational actor view" wird die Organisation aus der Perspektive ihrer Effizienz bei der Aufgabenbewältigung beurteilt, nicht im Hinblick auf aus der Gesellschaft an sie herangetragene Forderungen, und der Agehen von individuell rational handelnden Akteuren aus (nutzenmaximierender Akteur). Den Theorien des "rational actor view" ordnet Preisendörfer die Bürokratietheorie von Max Weber und die wissenschaftliche Betriebsführung von F.W. Taylor zu. Als Musterfall für eine Organisationstheorie jüngeren Datums, welche sich auf das Paradigma der rational handelnden Organisation verpflichtet, nennt Preisendörfer den Prinzipal-Agenten-Ansatz (auch Agency Theorie) (vgl. Preisendörfer 2005: 95-113).
(2) Organisationstheorien, welche Organisationen als natürliche oder soziale Systeme diskutieren, distanzieren sich kritisch vom Rationalmodell der zweckgerichteten Organisation. Sie bezweifeln, dass Organisationen zweckgerichtet sind und sich Organisationsziele sinnvoll definieren lassen. Theorien des "natural systems view" kritisieren die Ansätze des "rational actor view" für die Unterscheidung zwischen aufgabenbezogenen Organisationsstrukturen und der Vorstellung einer Rationalität der Organisation einerseits und den tatsächlichen Strukturmustern der Interaktion und Ablaufprozessen andererseits, d.h. sie unterstellen eine Diskrepanz zwischen dem "Sollen" und dem "Sein", das es zu beherrschen bzw. zu steuern gelte. Die Ansätze des "natural systems view" gehen davon aus, dass Akteure in Organisationen nicht rational handelnde Stelleninhaber bzw. Funktionsträger sind, sondern normale Menschen mit eigenen Ideen, Interessen, Stimmungen und Launen. So richten Ansätze des "natural systems view" ihr Augenmerk besonders auf Binnenstrukturen und das Innenleben von Organisationen und betreiben empirische Analysen interner Strukturen und Abläufe unter Ausblendung von äußerer Umfeldbedingungen. Zu den Ansätzen des "natural systems view" rechnet Preisendörfer die Human Relations Schule und die verhaltenswissenschaftliche Entscheidungstheorie (vgl. Preisendörfer 2005: 114-129).
(3) Eine dritte Gruppe von Ansätzen betrachtet Organisationen als offene Systeme und hebt damit explizit auf die Dichotomie von außen und innen, von Umwelt und Sozialgebilde bzw. von Eigenbezug und Fremdproduktion ab. Organisationen sind offene im Unterschied zu geschlossenen Systemen, welche nicht nur einen Bezug zu ihrer aufgabenbezogenen Umwelt haben (z.B. marktliches Umfeld), sondern ebenfalls Impulse aus ihrer sozialen Umwelt erhalten, z.B. Werte und Normen aus der Zivilgesellschaft, welche in die Organisation hinein getragen werden. Als gemeinsamer Nenner der Ansätze des "open systems view" die Annahme einer Einbettung bzw. Einhegung in übergreifende soziale Strukturen gelten (z.B. Institutionen, funktionale Teilsysteme der Gesellschaft). "Organisationen sind keine klar nach außen abgrenzbaren Robinson-Inseln, sondern stehen in einem vielfältigen Austausch- und Abhängigkeitsverhältnis zu ihrer Umwelt." (Preisendörfer 2005: 130). Dazu gehört (1) die aufgabenbezogene Umwelt der Organisation: Die Organisation tauscht permanent Leistungen mit anderen Akteuren aus und konkurriert mit anderen Organisationen - in dieser Perspektive ergibt sich der Fokus auf das marktliche Umfeld der Organisation. Dazu gehört (2) das gesellschaftliche Umfeld: staatliche Rahmenbedingungen, institutionalisierte Erwartungen, die eigenen Mitglieder mit ihren Normen und Werten. Die generelle Richtung der globalen Einflüsse ist, so die Annahme des "open systems view" dergestalt, dass Organisationen von ihrer gesellschaftlichen Umwelt beeinflusst werden und nicht anders herum, obgleich wiederum - so wiederum die Perspektiven der Organisationsgesellschaft - viele Organisationen im Zusammenwirken bzw. alle Organisationen zusammen alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens beeinflussen oder gar beherrschen. Die vier wichtigsten Ansätze des "open systems view" sind der situative Ansatz (auch Kontingenztheorie), der Ressourcen-Abhängigkeits-Ansatz, die Organisationsökologie sowie der Neoinstitutionalismus (vgl. Preisendörfer 2005: 130-152).
Anwendungsbereiche
Die Organisationssoziologie greift auf ein großes Repertoire verschiedener Theorieansätze zurück, die Aspekte des Organisierens, der Organisation, des Organisationslebens und der Eingliederung der Organisation in übergreifende soziale Zusammenhänge beleuchten. Zugleich ist sie aber auch eine praktische Wissenschaft, denn sie ist ja eine Handlungswissenschaft. Die Organisationssoziologie muss es nicht bei einer empirischen Beschreibung und theoriegeleiteten Analyse von Organisationen belassen, sondern sie bietet ebenfalls das Potenzial, Organisationen (z.B. Unternehmen, staatliche Verwaltungen, Medienorganisationen, Schulen, Hochschulen, Krankenhäuser etc.) auf Grundlage ihrer Erkenntnisse kompetent zu beraten.
siehe auch
Quellenangaben
- Allmendinger, Jutta und Thomas Hinz. 2002. Organisationssoziologie. Sonderband 42 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Opladen: Westdeutscher Verlag.
- Davis, John B. 2006. "Organization Theory." In: Beckert, Jens und Milan Zafirowski (Hg.). 2006. International Encyclopaedia of economic sociology. London/New York: Routledge.
- Luhmann, Niklas. 1971/1994. Funktionen und Folgen formaler Organisation. Duncker & Humblot.
- Luhmann, Niklas. 2000. Organisation und Entscheidung. Opladen: Westdeutscher Verlag.
- Luhmann, Niklas. 1997. Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
- Münch, Richard. Soziologische Theorie. Band 1. Frankfurt/Main: Campus.
- Preisendörfer, Peter. 2005. Organisationssoziologie. Grundlagen, Theorien und Problemstellungen. Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften.
- Weber, Max. 1922/1980. Wirtschaft und Gesellschaft. Stuttgart: Mohr. S. 551-579; 833-835
