Professionelle Ethik
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Definition Ethik
Die Bedeutung des Wortes Ethik stammt von dem griechischen Wort >>ethos<< ab, welches gewohnter Ort des Lebens, Sitte und Charakter bedeutet (Höffe 2002, 58). Sinngemäß übersetzt entspricht es den Begriffen "Moralphilosophie oder Sittenlehre" (Brink 2000, 21). Ethik als philosophische Disziplin geht auf Aristoteles zurück, der ältere Ansätze z.B. von Sokrates, Platon und den Sophisten aufgreift. An dem Punkt, an dem überholte Lebensweisen und Institutionen ihre selbstverständliche Geltung verlieren, sucht die philosophische Ethik, „von der Idee eines sinnvollen menschlichen Lebens geleitet, auf methodischem Weg (...) und ohne letzte Berufung auf politische und religiöse Autoritäten (...) oder auf das von Alters her Gewohnte und Bewährte allgemeingültige Aussagen über das gute und gerechte Handeln“ (Höffe 2002, 59) zu treffen. Im Zentrum der Ethik steht rationale Rekonstruktion und die Begründung moralischer Überzeugungen. Ethik betrachtet solche Überzeugungen nicht von außen, sondern nimmt deren inneren Wahrheitsanspruch ernst. „Bei Fragen nach Gut und Böse geht es um Wahrheit. Anders wäre der Streit um solche Fragen unverständlich“ (Spaemann/Schweidler 2006, 9). Auch den normativen Aspekt schließt Ethik mit ein, da sie sich als philosophische Disziplin mit der Beschreibung, Begründung,Legitimation und Kritik von Normen auseinander setzt, "sofern sie sich auf ein höchstes Gut zurückführen lassen" (Brink 2000, 21).
Besonders in der heutigen Zeit, zum Teil ausgelöst durch die Diskussion um die Sinn- und Orientierungskrise fortgeschrittener Industriegesellschaften und die öffentlichen Debatten um die Grundwerte in Staat und Gesellschaft sowie um die Strafrechtsreform, den Umweltschutz und den Begriff der Lebensqualität, entsteht in der Gesellschaft wieder ein größeres Interesse für die Fragen der Ethik (Höffe 2002, 9). Aufgabenfeld der Ethik ist zum einem der moralische Bereich, der die persönliche Seite rechten Handelns umfasst. Des weiteren schließt das Aufgabenfeld der Ethik einen sozialen und politischen Aspekt ein, wie zum Beispiel die Fragen der Rechts-, Sozial- und Staatsphilosophie sowie der Religionsphilosophie. „Die normativen Probleme, die sich in den persönlichen und politischen Bereichen und Aspekten unseres Lebens stellen, werden aufgegriffen und unter der Leitidee eines humanen, eines guten und gerechten Lebens reflektiert“ (Höffe 2002, 9).
In den Professionen reagierte man in vielen Bereichen mit der Entwicklung von Ethik-Standards oder Ethik-Kodexen, denen sich Professionelle freiwillig verpflichten. Diese Standards bieten eine hilfreiche moralische Orientierung ohne dabei die Handlungsfreiheit einzuschränken und sind meist schriftlich fixiert. Diese Selbstverpflichtungen beinhalten wegen ihrer "ziemlich allgemeinen Formulierung zwar Beurteilungsaspekte für komplexe Einzelfälle" (Brink/Tiberius 2005, 17), für eine komplexe Entscheidung bedarf es aber weitere Elemente, wie z.B. vermittelne Auslegungsregeln, Urteilsfähigkeit und eine "Kenntnis der gesellschaftsrechtlichen guten Sitten" (Brink/Tiberius 2005, 17). In einigen Professionen legen Professionelle zu Beginn ihrer Berufsausübung einen Eid ab, wie z.B. den hippokratischen Eid in der Medizin, mit dem sie der Öffentlichkeit und auch sich selber ein Versprechen abgeben.
Unterscheidung von drei Hauptformen der Ethik
Je nach Erkenntnisinteresse und methodischen Forschungsrichtungen unterscheidet man drei Formen der Ethik. Die erste der drei Formen ist die deskriptive bzw. empirische Ethik, deren Erkenntnisziel es ist, die „mannigfachen Phänomene von Moral und Sitte der verschiedenen Gruppen, Institutionen und Kulturen zu beschreiben, zu erklären und evt. zu einer empirischen Theorie menschlichen Verhaltens zu verallgemeinern“ (Höffe 2002, 59). Die zweite Form, die normative Ethik, hat das Ziel, die jeweils herrschende Moral kritisch zu beleuchten sowie Formen und Prinzipien guten Handelns zu begründen. Solche Normen sind durch ihre "Allgemeingültigkeit und Reflexionsbedürftigkeit bestimmt und dienen der menschlichen Orientierung in verschiedenen Lebenssituationen" (Brink 2000, 22). Die Metaethik als dritte Form hat die Aufgabe, „die sprachlichen Elemente und Formen moralischer Aussagen kritisch zu analysieren und Methoden zu ihrer Rechtfertigung und ihrer Anwendung zu entwickeln“ (Höffer 2002, 59). Sie folgt der "Neutralitätsthese" (Brink 2000, 22), nach der sie sich nicht zu Inhalten der Ethik oder zu ethischen Handlungen äußern darf. Eine der wichtigsten Fragen der Metaethik ist die nach der objektiven Erkennbarkeit oder Gültigkeit von moralischen Urteilen. Aufgrund der "pluralistischen Anlage der Ethik" (Brink 2000, 24) lassen sich noch weitere Unterscheidungen treffen, wie z.B. deontologische und teleologische Ethiken, Gesinnungs- und Verantwortungsethik, evolutionäre Ethik, Situationsethik, Normenethik, inhaltliche und materiale Ethiken, prozedurale bzw. formale Ethiken, Individualethik, Institutionalethik, u.v.m. (Brink 2000, 24ff.).
Professionsethik, wie sie ist
Moralische Werte und Normen wirken für professionelles Handeln rechtfertigend und orientierend. Die „Codes of ethics“ (Langer 2005, 167) wirken als Kontroll- und Steuerungsmodus und gelten als besonderes Merkmal von Berufen, die im hohen Maß durch Selbstkontrolle, Selbstreflexion und Autonomie bestimmt sind. Professionsethik wird durch sechs Charakteristika näher bestimmt: Fast jede Profession hat irgendeine Art von Kodex, die im Normalfall, aber nicht notwendigerweise, verschriftlicht ist. Des weiteren korreliert der Status der handelnden Person hoch mit der Bindung an den formalen Kodex des Professionellen. Das drittes Charakteristika sind Kriterien und Indikatoren, welche die Befolgung des formalen Kodex verstärken. Diese Selbstbindung der Professionellen an die ethischen Regeln dient der öffentlichen Transparenz und Kontrolle von Zuwiderhandlungen. Die ethischen Kodizes richten sich an die Professionellen als individuelle Personen und deren individuelles Verhalten. Dabei geht es nicht um Motive sondern um die Handlungsausführung, da nicht die Überzeugungen des Professionellen, sondern sein Verhalten, den sozialen Erwartungen entsprechen muss. Das fünfte Charakteristika ist, dass ethische Kodizes ihre Funktion nur im Zusammenhang von professioneller Organisation und innerhalb spezifischer Institutionalisierung entfalten können. Um etwaige Sanktionen überhaupt wirksam werden zu lassen, muss der ethische Kodex an einen starken und durchsetzungsfähigen Berufsverband gekoppelt sein. Als letztes Charakteristikum wird „die Bindung des professionellen Handelns an leitende gesellschaftliche Wertüberzeugungen, wie z.B. Gemeinwohlorientierung. Solidarität, Autonomie und Vertrauen usw. kommuniziert“ (Langer 2005, 167 f.). Die Funktion des ethischen Kodex ist somit die Sicherung der Kontrolle und Sanktionierung professionellen Handelns. Professionsethik ist „mittels individueller bzw. kollegialer Selbstkontrolle innerhalb eines (teil-)autonomen Berufsstand verankert“ (Langer 2002, 168).
Professionsethik, wie sie wirkt
Bei der Professionsethik wird die Überwachung beruflicher Tätigkeiten nach „innen“ (Langer 2002, 168) übertragen, was Selbstkontrolle der Professionellen und Kontrolle durch Fachkollegen bedeutet. Wichtig sind dabei der Schutz der Klienten, die Sicherung und Kontrolle von Standards professioneller Tätigkeit und eine Gewährleistung des „daran verantwortlich orientiertes Handeln der Professionellen“ (Stichweh 1994, 305). Doch gleichermaßen liefert die Professionsethik den professionellen Praktikern eine Begründung, „dass durch einen Klienten zugemutete illegitime Handeln unter Verweis auf den Code abwehren zu können“ (Stichweh 1994, 305). Um ihre schützende und orientierende Wirkung nicht zu verfehlen, müssen formale Kodizes durch administrative Kontrolle oder berufsständiger Selbstkontrolle institutionalisiert sein. Eine Steuerung und Kontrolle professionellen Handelns wäre nicht ohne institutionelle Bindung denkbar (Langer 2002, 169 f.).
Literaturangabe:
- Brink, A. (2000):Holistisches Shareholder-Value-management. Eine regulative idee für globales Management in ethischer Verantwortung. Rainer Hampp Verlag. München, Mering
- Brink, A. / Tiberius, V.: Der wert(e)orientierte Führungskräfte-Kodex. Zur freiwilligen moralischen Selbstverpflichtung des Managements. In: Brink, A. / Tiberius, V. (Hrsg.) (2005): Ethisches Management. Grundlagen eines wert(e)orientierten Führungskräfte-Kodex. Haupt Verlag. Bern, Stuttgart, Wien
- Höffe, O. (2002): Lexikon der Ethik. Velag C.H. Beck, München. 6. neubearbeitete Auflage
- Langer, A.: Professionsethik, Effizienz und professionelle Organisationen. Kontroll- und Steuerungsmodi professionellen Handelns in der sozialen Arbeit. In: Pfadenhauer, M. (2005): Professionelles Handeln. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden
- Spaemann R./Schweidler W. (2006): Ethik. Lehr- und Lesebuch. Texte – Fragen – Antworten. Klett-Cotta, Stuttgart
- Stichweh, R. (1994): Wissenschaft, Universität, Professionen. In: Pfadenhauer, M. (2005): Professionelles Handeln. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden
