Strukturationstheorie

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Inhaltsverzeichnis

Einführung

Der britische Soziologe Anthony Giddens, geboren 1938, hat 1984 in seinem Buch „The Constitution of the Society“ eine Grundlagentheorie entwickelt, die zwischen der Handlung und den Strukturen vermitteln soll: die Strukturationstheorie oder Theorie der Strukturierung. Diese Sozialtheorie hat zum Ziel soziale Prozesse zu analysieren, umfasst dabei alle Bereiche der Sozialwissenschaften. Hier stehen menschliches Handeln und soziale Einrichtungen im Mittelpunkt. „Es geht Giddens dabei vor allem um die Entwicklung eines begrifflichen Instrumentariums, das methodisch für die empirische Forschung in Anschlag gebracht werden kann.“ (Walgenbach, Peter (1999), S.355) Eine der zu beantwortenden Grundfragen wäre: In welchem Verhältnis stehen individuelle Handlungen und soziale Struktur?


Grundzüge der Strukturationstheorie

Grundsätzlich geht Giddens davon aus, dass der individuelle Akteur sein Handeln reflexiv steuern kann, wobei er sich auf sein persönliches Verhalten, auf das der Anderen und „die sozialen und physischen Aspekte des Kontextes“ (Walgenbach, Peter (1999), S.359) , des Umfeldes, bezieht. Das Handeln ist meist auf einen Zweck ausgerichtet (Intentionalität) und kann dementsprechend gesteuert werden. Zudem besitzt der Akteur praktisches, aber unvollstän-diges Wissen, wodurch unintendierte Nebeneffekte auftreten können, die wiederum die Handlungsbedingungen verändern. Jedoch ist eine Veränderung der Handlung zu jeder Zeit durch den Akteur möglich – er besitzt die Macht sein Handeln umzugestalten.

Den Kern der Strukturationstheorie bildet die ‚Dualität der Struktur’. Darin findet sich als eines der zwei Hauptelemente die Handlung, die Giddens als einen ‚kontinuierlichen Verhaltensstrom’, ohne Trennung der einzelnen Handlungen, beschreibt. Handlung bedeutet hier, dass der Akteur zu differenziertem Handeln fähig ist, das wiederum jedoch von seinem Handlungsvermögen, von seinem Kenntnisstand der möglichen Optionen, und seiner Reflexivität abhängt. Zudem besteht eine Abhängigkeit zu dem Wissen des Akteurs, wobei wiederum zwischen einem praktischen, der reflexiven Steuerung des Handelns (Alltagshandeln), und einem diskursiven Bewusstsein, der Rationalisierung des Handelns (begründetes Handeln), unterschieden wird. (Vgl. Schwarz, Stefan (2008), S.64) Das zweite Hauptelement der ‚Dualität der Struktur’ ist die Struktur, die Giddens als „Regeln und Ressourcen, die interaktive Beziehungen über Raum und Zeit stabilisieren“ (Walgenbach, Peter (1999), S.361) versteht und als Prozess der Produktion und Reproduktion.

Regeln stehen im direkten Bezug zu dem handlungspraktischen Wissen der Akteure und beziehen sich auf die Signifikation, als Interpretationsschemata oder Kommunikation, um den Sinn der Handlung zu erfassen. Bei der Legitimation betreffen die Regeln Rechte und Normen und dienen dadurch unter anderem der Sanktionierung. Regeln stehen in direkter Beziehung zu den Ressourcen, die das Handlungsvermögen der Akteure aufzeigen, denn hier kommt die Herrschaft und Macht zum Ausdruck. Ressourcen werden unterteilt in allokative Ressourcen, die eine Herrschaft über Objekte und Güter darstellen, und die autoritativen Ressourcen, die sich auf die politische Herrschaft über Personen und Prozesse beziehen. „Die Strukturdimensio-nen Signifikation (Symbole, Mythen, Weltbilder), Legitimation (insbesondere rechtliche Institutionen […]) und Herrschaft (insbesondere politische und ökonomische Institutionen), die Giddens unterscheidet, sind nur analytisch trennbar, sie müssen als miteinander in Verbindung stehend gedacht werden.“ (Walgenbach, Peter (1999), S.362)

Zwischen dem Handeln der Akteure und der Struktur besteht eine Rekursivität, das bedeutet, die Struktur ist sowohl als Medium und als Ergebnis einer sozialen Handlung zu betrachten, ohne eine vollkommene Determination der Handlung von Seiten der Strukturen. Somit kann die Trennung von Akteur und Struktur aufgelöst werden. „In und durch ihre Handlungen reproduzieren die Handelnden die Bedingungen, die ihr Handeln ermöglichen.“ (Schwarz, Stefan (2008), S.62)

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Abb.: Die Dimensionen der Dualität von Struktur (Giddens, 1984)

Zwischen den Dimensionen der Struktur und der Interaktion/Handlung stehen die Modalitäten, beispielsweise Deutungsschemata, Normen, Machtmittel, als Vermittler zur besseren Verständigung und Interpretation. Im Rahmen von sozialen Interaktionen treten diese Vermittler als Leitbild oder Metaphern auf, um den Bedeutung der Regeln verständlicher darzustellen. Kurz gesagt: Soziale Strukturen (Regeln und Ressourcen) werden durch die Vermittlung der Modalitäten in der Interaktion in die ‚Realität’ gebracht. Als Konsequenz entstehen durch die Strukturen vor allem soziale Systeme, denn in einem sozialen System reproduzieren sich die Beziehungen, die an einen Kontext gebunden sind und regelmäßig auftreten, der sozialen und kollektiven Akteure ständig. „Soziale Systeme wie Organisationen sind laut der Theorie der Strukturierung keine Strukturen, sondern sie haben Strukturen.“ (Vgl. Walgenbach, Peter (1999), S.363)


Organisation und Strukturation

Strukturen bilden das Ergebnis von Handlungen und auch Möglichkeiten und Bedin-gungen für weiterführende Handlungen, die Giddens in seinem zirkulierenden Modell der Dualität von Struktur darlegt. Somit wird eine Organisation zu einer reflexiven Strukturation durch die Doppeldeutigkeit „rekursiven Erzeugens („Organisieren“) eines Erzeugnisses („Organisiertheit“, Organisation als soziales System).“ (Ortmann, Günther/ Sydow, Jörg/ Windeler, Arnold (2000), S.322)

Hinzu kommt noch, dass in Organisationen die „Reflexion institutionalisiert ist, d.h. die Organisationsmitglieder agieren als reflexive Akteure und beziehen sich in ihrem Han-deln auf organisationale Praktiken, dessen sie sich weitgehend bewusst sind.“ (Schwarz, Stefan (2008), S.75) In Hinblick auf Organisationen der Ökonomie kann man sagen, dass diese von der (Re-)Produktion allokativer Ressourcen gekennzeichnet sind. Doch durch die Strukturationstheorie fügt sich eine Differenzierung der Ressourcen und der Regeln hinzu. So entsteht auch hier eine Rekursivität zwischen Machtmitteln und ökonomischen Mitteln. Als Beispiel der Reproduktion von Regeln der Signifikation und Legitimation sind die Buchhaltunssysteme anzuführen, wo Praktiken soweit modifiziert werden bis sie in eine normative und kognitive Ordnung passen. (Vgl. Ortmann, Günther/ Sydow, Jörg/ Windeler, Arnold (2000), S.326) Des Weiteren sind formalisierte Regeln, wie wir sie in Organisationen finden, gemäß der Strukturationstheorie „keine Regeln, sondern ‚codified interpretations of rules’.“ (Ortmann, Günther/ Sydow, Jörg/ Windeler, Arnold (2000), S.329) Damit blickt Giddens nicht nur auf die formalen Regeln, sondern alle, die in Handlungen wirksam werden. Raum und Zeit werden durch die Strukturen gebunden. Das bedeutet, dass Organisationen ein Mittler, aber auch ein Ergebnis der Techniken der Speicherung, Lagerung das Konservierung sind. Speicherung von autoritativen Ressourcen, zum Beispiel, wird durch Organisationen gefördert und gleichzeitig stärkt diese Strukturkonzentration die Macht der Organisationen – Rekursivität. Außerdem ist eine Organisation zwei Formen von Wandel unterworfen. „Reorganisation ist die bewusste, reflexive ReStrukturierung des Handlungsfeldes ‚Organisation’, die auf Veränderung ihrer Regeln und Ressourcen zielt und sich in allen Dimensionen“ (Ortmann, Günther/ Sydow, Jörg/ Windeler, Arnold (2000), S.333) abspielt. Oft handelt es sich um rational, berechnendes Spielen der Akteure, um ihr Ziel zu erreichen. Dem gegenüber steht die Evolution, bei der durch Selektion und Anpassung passende Formen von Organisationen ausfindig gemacht werden sollen. Die Akteure sind dennoch in der Lage die Ziele neu auszurichten und die Ressourcen neu zu verteilen. Alles in allem lässt Giddens in seiner Theorie sowohl den Wandel als auch die Stabilität gleichberechtigt auftreten, da Strukturation gleichermaßen Strukturiertheit und Strukturation bedeutet. Beides bedingt sich und lässt so die schnellen Veränderungen der heutigen Zeit, als auch die Eingefahrenheit mancher Organisationen zu denken zu. (Vgl. Ortmann, Günther/ Sydow, Jörg/ Windeler, Arnold (2000), S.333ff) Organisation und Gesellschaft. Auch diese beiden stehen in einem rekursiven Verhältnis zu einander. Organisationen sind ein Teil der Gesellschaft und sind durch den Wandel entstanden. Der Aktivität einer Gesellschaft wird in Organisationen Ausdruck verliehen und ferner steht die Entwicklung beider in wechselseitiger Verbindung. (Vgl. Dederichs, Andrea Maria (2000), S.6)


Kritik

Je nach Autor fällt die Kritik an Giddens Theorie der Strukturierung äußerst unterschiedlich aus. Daher nur in aller Kürze die Hauptkritikpunkte. Die Begriffsdefinitionen der Theorie weisen Widersprüchlichkeiten auf bei der Bestimmung der Ressourcen, bei der Begründung der Normen und einiges mehr, wodurch eine Tendenz zur Immunisierung der Theorie hervorgerufen wird. Zudem werfen manche Autoren Giddens eine zu objektivistische, andere eine zu subjektivistische Neigung vor. Ohne das Hinzuziehen von Empirie stellt die Strukturationstheorie einen sehr guten Analyse- und Theorierahmen dar. Allerdings ist dieser strukturierte Rahmen nur in wenigen Zügen realitätstreu, da durch die verschiedenen Akteure die Interaktionen auch unterschiedlich ausfallen.











Literaturverzeichnis

1. Ortmann, Günther/ Sydow, Jörg/ Windeler, Arnold: Organisation als reflexive Strukturation. IN: Ortmann, Günther/ Sydow, Jörg/ Türk, Klaus (Hrsg.) (2000): Theorien der Organisation. Die Rückkehr der Gesellschaft. 2. durchges. Aufl. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

2. Schwarz, Stefan (2008): Strukturation, Organisation und Wissen. Neue Perspektiven in der Organisationsberatung. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.

3. Walgenbach, Peter: Giddens’ Theorie der Strukturierung. IN: Kieser, Alfred (Hrsg.) (1999): Organisationstheorien. 3. überarb. und erw. Aufl. Stuttgart: Kohlhammer.

4. Windeler, Arnold (2001): Unternehmungsnetzwerke. Konstitution und Strukturation. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Internet:

1. Dederichs, Andrea Maria (2000): Struktur und Strukturierung in und von Organisationen. WP5. Working Papers zur Modellierung sozialer Organisationsformen in der Sozionik*. Technische Universität Hamburg-Harburg. Online unter: http://www.tu-harburg.de/tbg/Deutsch/Projekte/Sozionik2/wp5.pdf (letzter Zugriff: 27. Mai 2008)

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