Wirtschaft als gesellschaftliches Funktionssystem

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Die Systemtheorie Luhmanns geht von streng differenz- und kommunikationstheoretischen Prämissen aus. Ein System konstituiert sich aus der Unterscheidung von System und Umwelt, ist operativ geschlossen, jedoch kognitiv offen und verfügt über die Fähigkeit zur Selbstreferenz. Soziale Systeme operieren einzig kommunikativ und sind dabei an eine spezifische, binär codierte Operationsweise gebunden. Die Gesellschaft bildet sich durch die Gesamtheit aller Kommunikationen. In der Theorie sozialer Systeme Niklas Luhmanns bildet die Wirtschaft ein Funktionssystem. „Sowohl die Gesellschaft als auch die Wirtschaft werden als soziale Systeme begriffen, und die Verbindung beider liegt in einer Theorie der Systemdifferenzierung, die Differenzierung als Wiederholung der Systembildung in Systemen auffasst.“ (Vgl. Luhmann, 1994, S.8) Wie soziale Systeme überhaupt, soll also auch das Wirtschaftssystem als funktionales Teilsystem der Gesellschaft begriffen werden, welches ausschließlich auf der Basis von Kommunikation operiert. Materielles und Psychisches hingegen fällt für das System in die Umwelt. Einer systemtheoretischen Analyse der Wirtschaft bedarf es vor allem deshalb, weil die Soziologie ihren Grundbegriffen wie Handlung, Rolle, Norm oder Institution die Komplexität wirtschaftlicher Vorgänge scheinbar nicht erfassen kann. Eine Orientierung an den Errungenschaften der allgemeinen Systemtheorie soll daher helfen eine soziologische Theorie der Wirtschaft mit adäquater Komplexität zu erfassen. (Vgl. Luhmann, Niklas; 1994, S.13) Aus der Kategorisierung der Wirtschaft als Teilsystem folgt, dass die Wirtschaft nicht von der Gesellschaft isoliert betrachtet werden kann, denn wirtschaftliche Kommunikation ist immergleich soziale Kommunikation. Die spezifische Operation des Wirtschaftssystems sind Zahlungen, was bedeutet, dass alle Operationen, die mit Geld zu tun haben, dem Wirtschaftssystem zuzurechnen sind. (Vgl. Esposito, 1997, S.209)



Knappheit

Den Bezugspunkt im System der Wirtschaft bildet Kommunikation von Knappheit. Knappheit fungiert für das Wirtschaftssystem als Kontingenzformel, d. i. als reduktionistische Annahme. Knappheit existiert sowohl in einer materiellen, als auch zeitlichen Dimension. Als fundamental gilt es, sich vor Augen zu halten, dass die Wirtschaft nicht von einer realen Knappheit ausgeht, sondern, dass es sich bei dieser Knappheit um eine soziale Konstruktion handelt, die durch das System selbst konstruiert wird. (Vgl. Luhmann,1994, S.64f.) Ermöglicht wird die Ausdifferenzierung des Funktionssystems Wirtschaft durch das Kommunikationsmedium Geld, welches eine spezielle Art kommunikativer Handlungen ermöglicht, die Zahlungen. Alle Operationen, die mit Geld zu tun haben, sind dem Wirtschaftssystem zuzurechnen. Durch Zahlungen wird zugleich nichtzahlendes Verhalten, wie Arbeit, exklusiver Besitz oder die Übereignung von Gütern ermöglicht. Die primäre Funktion des Geldes liegt in der Ermöglichung einer sachlich/ zeitlich/ sozialen Generalisierung von Tauschmöglichkeiten. Luhmann bezeichnet in Analogie zu Talcott Parsons das Geld als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium, deren Funktion darin besteht, unwahrscheinliche Kommunikation zu ermöglichen. (Vgl. Luhmann,1994, S.17f.) Als wesentliche Notwendigkeit eines Systems lässt sich die Fähigkeit zur Selbstreferenz bezeichnen, die an Fremdreferenz gekoppelt wird. Bei allem, was als wirtschaftlich zurechenbar gilt, muss die Selbstreferenz mitlaufen. Dies ist allein schon insofern vonnöten, als das die Kommunikation der Wirtschaft nicht falsch interpretiert werden darf. Ermöglicht wird die Selbstreferenz durch das Geld, denn Geld hat keinen Eigenwert und erschöpft seinen Sinn in der Verweisung auf das System, dass die Geldverwertung ermöglicht. Indem alle wirtschaftlichen Vorgänge durch rechnerische Operationen parallelisiert werden, sind sie an die Simultanität von Selbstreferenz und Fremdreferenz gebunden. (Vgl. Luhmann,1994, S.15f.) Zahlungen, bzw. Nicht-Zahlungen sind der unit act des Wirtschaftssystems. Nur durch Zahlungen ist das System der Wirtschaft in der Lage zu operieren. Zahlungen sind eine Kommunikationsform, die zeitlich fixiert werden muss, da es im Wirtschaftssystem unabdingbar ist zu wissen, wer in einem bestimmten Zeitpunkt über welche Kommunikationsmöglichkeiten verfügt. Da eine Zahlung ein temporäres Ereignis ist, muss das Wirtschaftssystem zur Selbsterhaltung dafür sorgen, dass immer wieder neue Zahlungen betätigt werden, ansonsten würde es einfach aufhören zu existieren. Ziel der Wirtschaft muss es daher sein, immer wieder zu neuen Zahlungen zu motivieren. Dies führt dazu, dass die Wirtschaft zu einem autopoietischen System wird, welches die Elemente, aus denen es besteht, selbst produzieren und reproduzieren muss. Eine weitere, gewichtige Eigenschaft von Zahlungen besteht darin, dass sie durch einen sehr hohen Informationsverlust gekennzeichnet sind. Die mit der Zahlung verbundenen Bedürfnisse, Wünsche, oder gar die Herkunft des Geldes werden ausgeblendet. Luhmann folgert daraus, dass die Geldform sozial destabilisierend wirkt, da kommunikativ mögliche Beziehungen durch sie gekappt werden. Gleichzeit ist dies die Bedingung für eine erfolgreiche Ausdifferenzierung des Funktionssystems Wirtschaft. (Vgl. Luhmann,1994, S.17ff.)


Preise

Verstärkt wird dieser Informationsverlust durch Preise, denn diese geben nicht einmal darüber Auskunft, ob überhaupt zu diesem Preis überhaupt Zahlungen erfolgt sind. Dieser Informationsverlust geht allerdings mit einem gleichzeitigen Informationsgewinn einher, denn anhand von Preisen lässt sich beobachten, wie andere den Markt beobachten, wodurch Trends erkennbar werden. Die Beobachtungen rekurrieren selbstverständlich auf Erfahrungen, wodurch faktische Zahlungen erwartungsbildende Bedeutung zukommt. Preise koordinieren also die Erwartungshaltung. Hier wird zugleich offensichtlich, dass das System der Wirtschaft neben ihrer Geschlossenheit, auch Offenheit aufweisen muss, denn Zahlungen müssen an Gründe für Zahlungen gekoppelt sein, die nur in der Umwelt des Systems generiert werden können. Luhmann verwendet an dieser Stelle den Begriff des Bedürfnisses, wobei er diesen zugleich von seinem anthropologischen und psychologischen Gehalt befreit und diesen stattdessen als, durch die Entwicklung des Wirtschaftssystems bedingt, auffasst. Als wichtig anzumerken gilt es, dass ein preisorientiertes System nahezu ohne Gedächtnis auskommen kann, da die notwendigen Informationen über Bedarf und Angebotsmöglichkeiten durch den Preis selbst erzeugt werden. Für das System der Wirtschaft hat diese Informationskomprimierung auch für Nichtzahlungen Auswirkungen, denn Preise können genauso gut von Zahlungen abhalten. Den Nichtkauf sieht Luhmann einzig durch den Preis bestimmt und so wird Geld zum Schichtungsmerkmal.(Vgl. Luhmann,1994, S.18ff.) Voraussetzung des Geldschemas ist die Instabilität von Preisen. Die Änderbarkeit von Preisen erfolgt durch Informationen, die auf Grund bestimmter Preise gesammelt werden konnten, aber nicht in der Preisinformation an sich enthalten sind. Eigentümlich für das Wirtschaftssystem erweist sich die Tatsache, dass durch die Instabilität von Preisen und der beliebigen Verwendung des Geldes durch den Eigentümer im Wirtschaftssystem eine Instabilität geschaffen wird, die dazu führte, dass das Wirtschaftssystem in Ausnutzung dieser Unbestimmtheiten eine immenses Komplexitätsniveau erreichen konnte. Geldcode, Zahlungen und Preise werden so zu gesellschaftlich irreversiblen evolutionären Errungenschaften. (Vgl. Luhmann,1994, S.23ff.) Zu erwähnen ist noch der Begriff des Marktes: ein Sprachspiel wie: „etwas richtet sich nach dem Markt“ scheint zu suggerieren, dass es sich beim Markt um ein eigenständiges System handelt. Luhmann verwehrt dem Markt allerdings diesen Status. Stattdessen bildet der Markt eine Schnittstelle, an der der Konsum aus Sicht der Produktion und Verteilungsorganisation wahrnehmbar ist. In den Markt münden auch die Anstrengungen der Konkurrenz, insofern sie die Absatzchancen beeinflussen. Die Produktion erscheint sich selbst als Markt, der daher als Spiegel fungiert, in dem jedes Unternehmen sich und seine Konkurrenten beobachten kann. (Vgl. Luhmann,1994, S.91ff.)

Literatur:

Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, Frankfurt/M., Suhrkamp 1994.

Baraldi, Claudio; Corsi, Giancarlo; Esposito, Elena: GLU. Glossar zu Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, Frankfurt/M., Suhrkamp 1997.